Singend geht´s auf Wanderschaft

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Die 9. Auflage der Erzgebirgischen Liedertour führte entlang des Grenzbaches zwischen Bärenstein und Weipert. Am Denkmal Günther-Ruh musizierte u.a. Frank Mäder mit seiner Gitarre. Foto: Christof Heyden

Die 10. Liedertour soll am Sonntag durch die Region Olbernhau führen und wieder Ausflugshungrige zusammenbringen. Am Vorabend ein Rückblick auf die neun Auflagen bislang. Die verkörpern 98 Stationen und 150 Kilomter Wegstrecke.

Olbernhau. Zwischen Annaberg-Buchholz und Zwickau steigt die Vorfreude: Am kommenden Sonntag wird zur 10. Erzgebirgischen Liedertour eingeladen. Das in hiesiger Region einzigartige Touristikangebot wird erneut naturbegeisterte und musikalisch interessierte Zeitgenossen zu Tausenden ins Grüne locken. Die Jubiläumsauflage soll Wanderer und Musikanten diesmal auf einen knapp zwölf Kilometer langen Rundkurs rund um Olbernhau führen. In bewährter Manier werden Künstler an 13 Erlebnis-Stationen rund um und in der Stadt der Sieben Täler aufspielen.

Die 2020er Neuauflage stellt die Organisatoren um Constanze Ulbrich von der Baldauf-Villa Marienberg vor bislang nicht gekannte Herausforderungen: „Bereits im Frühjahr stand unsere Jubiläumstour, wollten wir die Region um Bozi Dar grenzüberschreitend erwandern. Doch dann kam Corona und wir mussten die für den 16. August geplante Liedertour absagen. Zu diesem Zeitpunkt war auch völlig unklar, ob es dieses Jahr überhaupt dieses Format geben wird“, so die Kulturmanagerin. „Mit Lockerung der Verhaltensmaßregeln sind wir daran gegangen, diese Alternative auf die Beine zu stellen. Die werden aber weiter von den Rahmenbedingungen im Erzgebirgskreis bestimmt sein.“

Konditionsstarke Ausflugshungrige dürfen sich erneut auf ein facettenreiches Natur- und genreübergreifendes Kunsterlebnis freuen. „Zu unserem Angebot, das Erzgebirge zu erwandern, werden vor allem von der Mundart bestimmte Beiträge zu Gehör gebracht. Aber auch Folk, Tango, Balkanbeat, Polka und Reggae, selbst Tonfilmschlager werden erklingen“, so Constanze Ulbricht.

Die 9. Auflage der Erzgebirgischen Liedertour führte entlang des Grenzbaches zwischen Bärenstein und Weipert. Am Illnerstein in Grund musizierte das Bandoneonensemble Carlsfeld mit Robert Wallschläger. (2.v.l.) Foto: Christof Heyden

Ein Tourüberblick:
Ein Blick in die Chronik lässt das Wachsen der Liedertour nacherleben. Bislang stehen bei neun Auflagen 98 Erlebnisstationen zu Buche. Teilnehmer, die die Strecken aller Auflagen erwandert haben, legten reichlich 150 Kilometer zurück. Am 7. August 2011 wurden Einheimische erstmals aufgerufen, an einer von künstlerischen Beiträgen umrahmen Tour teilzunehmen. Seinerzeit wurde der Auftakt in Olbernhau vollzogen, galt es entlang von 7 Stationen ca. 15 Kilometer zu erwandern. Die Wanderung führte auf den sogenannten Schwertweg, der 1459 nach dem Grenzvertrag zwischen Sachsen und Böhmen als Verteidigungsweg angelegt worden war. Ca. 900 Besucher nahmen das Angebot seinerzeit an.

Die 2. LiederTour startete 2012 entlang des Grenzbaches zwischen Oberwiesenthal, Bozi dar und Rittersgrün. 10 Stationen auf 37 Kilometern Länge waren zu erwandern. Dem Pressnitztal als Wandergebiet galt die 3. LiederTour 2013. Selbst per Zugfahrt war die Teilnahme zwischen Steinbach und Jöhstadt möglich. 13 Stationen waren entlang einer 20 Kilometer langen Strecke vorbereitet worden. Unterwegs zwischen Satzung, Kühnhaide und Nacetin hieß der Marschplan 2014 zur 4. Runde. Höhepunkt war das gemeinsame Musizieren auf dem 890 Meter hohen Hirtstein. An 16 Stationen waren Treffpunkte eingerichtet worden. Entlang der Fichtelbergbahn von Cranzahl bis Oberwiesenthal hieß das Motto der 5. LiederTour 2015. Sie ging auch als Regenerlebnis in die Geschichte ein, war überwiegend von Nässe begleitet, sorgte aber keinesfalls für einen Abbruch der Stimmung. Rund 25 Kilometer mit 16 Stationen wurden erwandert.

Der Bandoneonwinkel um Carlsfeld war Schauplatz der 6. LiederTour 2016. Zu Füßen des Auersbergs machten sich rund 3000 Wanderer auf die rund 18 Kilometer lange Rundtour. Durch das romantische Erzgebirge am Ersten Deutschen Glockenwanderweg lautete die Devise Jahr darauf für die 7. Wanderung.Zwischen Seiffen, Oberlochmühle und Deutscheinsiedel hieß es Kondition beweisen. Wer keine Abkürzung kannte, war fast 20 Kilometer unterwegs. Die 8. LiederTour wurde zwischen Ansprung und Zöblitz gestartet. Sieben Erlebnis-Punkte konnten auf einer knapp zehn Kilometer langen Strecke angelaufen werden. Die Morgensternhöhe mit ihren 711 Metern war zentraler Treffpunkt.

2019 erlebte die Erzgebirgische LiederTour ihre 9. Auflage. Beiderseits des Pöhlbaches war das grenzüberschreitende Miteinander an neun Liederstationen über die Distanz von 14 Kilometern zwischen Bärenstein und Weipert zur Freude von über 5.000 Wanderern vorbereitet worden. Auch diese Tour zeigte das Bemühen der Veranstalter, die Regionen des Erzgebirges zusammenzubringen und die Verständigung unter den Nachbarn zu pflegen.

Die 9. Auflage der Erzgebirgischen Liedertour führte entlang des Grenzbaches zwischen Bärenstein und Weipert. Am Pavillon im Zentrum mit Grenzübergang fand der Auftakt und das Abschlussmusizieren statt. Foto: Christof Heyden

Die Tourmusikanten:

Über 50 Musikformationen und Einzelkünstler sorgen seit der Premiere für kurzweilige Unterhaltung. Allesamt gelten sie als handverlesene Akteure mit Herz und Stimme für die Region. Heiner Stephani und seine Hauskapelle zählt zu den künstlerischen Tourbegleitern der ersten Stunde und gestaltete alle Auflagen bislang mit. Aus zahlreichen Orten des sächsischen und böhmischen Erzgebirges kommend, sorgten auch Dresdner, Berliner und Bayern bislang für Unterhaltungsbeiträge. Bernd Michael Rassenberg aus Schönbrunn ließ sogar ein australisches Didgeridoo erklingen, die tschechische Harfenspielerin Alsbeta Trojanova zupfte die Saiten und Michal Müller aus Varnsdorf rockte mit seiner Zither.

Frank Mäder, Aue, Is Berggeschrei

Die Tour kennt eine wichtige Zutat: Sonnenschein. Bislang spielten die Wettermacher immer gut mit, allein ein Regenjahr konnte uns nicht entmutigen. Die Veranstaltung abseits von Kulturhäusern und Studios rückt handgemachte Musik ohne stromverbrauchende Großtonanlagen in den Blickpunkt, heutzutage ja unplugged genannt. Da zeigt sich das Können der Akteure. Ich schätze das Miteinander von Besuchern und den Musikern. Die Liedertour bringt uns zusammen. Für uns Künstler eine gute Gelegenheit, mit Gleichgesinnten ins Gespräch zu kommen und zu fachsimpeln. Die großen Abschlusskonzerte vereinten uns, das spontane Miteinander war immer Klasse. Zehn Stunden am Stück zu musizieren ist echt Schwerstarbeit, dass bedarf Kondition.

Heike Haarig, Dresden, Duo Roter Mohn

Mir gefällt dieses genreübergreifende Treffen in der Natur. Vor elf Jahren gründeten wir unsere Formation im Rahmen eines Kulturfestes im Erzgebirge. Wenngleich wir mit unserem Repertoire eine andere Klangfarbe einbringen und nicht auf die Mundart setzen, ist die Resonanz des Publikums auf unseren Beitrag enorm gewachsen. Die nehmen dankbar die von uns interpretieren Filmklassikermelodien und Zigeunerweisen an. Mancher erinnert sich erstaunlicher Weise an ein von mir als Markenzeichen getragene rote große Blume im Haar. Im Vorjahr sind wir beispielsweise bei Bärenstein selbst ins Wandern gekommen. Auf einer großen sonnenüberfluteten Lichtung spielend, sind wir immer wieder mit dem Schatten mitgezogen, um nicht den Hitzegraden zu erliegen.

Robert Wallschläger, Carlsfeld, Bandoneonorchester

Diese Veranstaltung sorgt immer wieder für ein Gänsehaut-Gefühl. Es macht Spaß, vom Publikum singend unterstützt zu werden. Einen Tag lang mit Bandoneon aufzuspielen sorgt schon Mal für Muskelkater am darauffolgenden Tag. Die Liedertour schärft das Bewusstsein für erzgebirgisches Liedgut und weckt das Interesse an dem Genre. An die vor Jahren erfolgte Stippvisite in unserer Region erinnern sich die Einheimischen noch genauso gern, wie die Besucher unseren Musikwinkel kennenlernen durften. So manches Mal sorgte die Begegnung mit meinem Bandoneon bei Zuhörern für Erinnerungen: Das hat doch mein Opa auch gespielt. Die Folge: Leute stöbern auf dem Oberboden nach dem Teil und haben es schon zu mir in die Musikinstrumentenwerkstatt gebracht.

Holger Sickel, Elterlein, Musiker und Sänger

An der Liedertour begeistert mich das aufgeschlossene Publikum, welches entschlossen ungezählte Kilometer von Station zu Station zieht, um die Kulturbeiträge zu erleben. Die ständig wachsende Teilnehmerzahl ist ermutigend, gibt Gelegenheit, die Einheimischen und Gäste für unser Liedgut zu interessieren. Ich habe einen kleinen Kulturauftrag. Zählt mein von den Werken Anton Günthers bestimmtes Repertoire zu den Favoriten bei den Zuhörern, versuche ich dennoch, vor allem weniger Bekanntes vorzustellen. Mit gefällt das Zusammentreffen aller Akteure, die Gelegenheit, mundartlich aufgeschlossenen Mitbürgern zu begegnen. So stelle ich mir angewandte Brauchtumspflege vor.