Seit 117 Jahren wird in Crottendorf Theater gespielt. Alle Jahre wieder wissen die Akteure mit ihren pfiffigen Inszenierungen Zuschauermassen zu begeistern. Tickets sind heiß begehrt.
Crottendorf. Besucherscharen strömen mit Jahresbeginn wieder in das Deutsche Haus Crottendorf. Erneut zieht der Gasthof auf dem Lande als Kulturtempel die Generationen von Zuschauern an. Die stillen im rappelvoll besetzten Saal ihren Erlebnisdurst nach uriger Unterhaltung. Das heimische Mundarttheater hat sich längst als eines renommiertesten Ensembles über Erzgebirgsgrenzen hinaus einen Namen erarbeitet. Knapp 20 mal heißt es in dieser bis März andauernden Saison: Vorhang auf! Heuer bringen die Akteure um Regisseur Stefan Gläßer den kulinarischen Wettstreit um den Goldenen Suppenlöffel zwischen gutbürgerlicher Küche und Nationaltäten-Restaurant auf die Bühne.

Tickets für das Schauspiel sind begehrt, gelten als hoch geschätztes Gut. Was aus Metropolen von Gastspielen der Stars bekannt ist, erlebt auch die Gemeinde: Geht es an den Kartenverkauf, stehen Kunden unbeirrt Schlange. „14 Uhr startete am Samstag in der Adventszeit der Verkauf, bereits ab 8.30 Uhr säumten Gäste die Straße vorm Gasthaus, lösten sich wie im Schichtbetrieb beim Warten in der stetig wachsenden Kette ab“, konstatiert Stefan Gläser, seit 47 Jahren dabei, mit lachendem und weinendem Auge. „So sehr uns die Nachfrage erfreut, konnten wir erneut nicht den Wunsch aller bedienen.“
In einem Mix der Rahmenbedingungen sieht der Crottendorfer den gewachsenen Erfolg der Truppe.
„Die Geschichte unserer 1909 gegründeten Laienspielgruppe verpflichtet uns. Beharrlichkeit und Enthusiasmus sind gefragt, wie begeisterungsfähige Akteure. Das wichtigste ist aber das thematische Futter: eine Vorlage, die unsere hohen Ansprüche erfüllt. Dies wird immer schwieriger. Insofern haben wir uns selbst den Druck aufgebaut, Jahr für Jahr sehenswerte Beiträge auf die Bühne zu bringen“, so Gläser. „Aktuell haben wir für die kommende Saison 2026/27 schon wieder vier Vorlagen studiert, stehen vor der schwierigsten Entscheidung: was trägt und hält das von uns erwartete Niveau. Es gibt aktuell kaum deutschsprachige Autoren, die von Lokalkolorit getragene zeitgemäße Stoffe schreiben, erst recht nicht in erzgebirgischer Mundart. Lustspiel-Klassiker von früher sind verbraucht und in ihren Pointen harmlos. Ein gestohlener Tannenbaum zu Weihnachtszeit gibt längst kein dramatisches Moment mehr her.“

Dazu bedürfe es einer tragfähigen Handlung für drei Akte. „Viel zu oft ist das Pulver im zweiten Aufzug verschossen, steigert sich das Geschehen nicht mehr. Zurückliegend haben wir oft Rollenbücher aus anderen Sprachräumen übernommen und in unsere Redensart übersetzt. Vor allem aus dem bayrischen, indes kann man aber deren Eigenheiten nicht auf das Erzgebirge übertragen. Dort ist regelmäßig ein katholischer Pastor besetzt. Wir haben, sofern die Handlung das zuließ, aus dem einen Bürgermeister oder Geschäftsmann gemacht“, fügt Martina Rüffer hinzu, die selbst 42 Jahre auf der Bühne stand und als Übersetzerin aus dem Hochdeutschen agiert.
Ein Aspekt liegt den Crottendorfern besonders am Herzen. „Unsere heimische Redeweise. Es ist bedauerlich, dass in der Öffentlichkeit, auch in den Medien diese kaum berücksichtigt wird. Die Hoffnung, dass nach der Wende das Erzgebirgisch wieder mehr gesprochen wird, dass sich die Einheimischen dazu bekennen, erfüllt sich nicht. Viel zu oft wird für jene ein Nachteil in der persönlichen Laufbahn befürchtet, die Reden wie der Schnabel gewachsen ist. Gibt es so an Küste oder Bayern nicht“, bedauert Stefan Gläser. Die Nachfrage des Publikums begründet sich für ihn gerade darauf, die originale Redeweise als ein Stück kultureller Identität zu erleben.

„Die Internationalisierung, das Medienverhalten unterdrückt den regionalen Sprachraum. Und ich denke, dass die Widersprüche des Alltags, die Zukunftssorgen uns in die Karten spielen. Die Leute wollen für zwei, drei Stunden einmal eine herzliche, überschaubare Welt, den Ärger vergessen. Unsere Aufführungen gleichen Familien- und Klassentreffen, da trifft sich die Nachbarschaft, es geht um mehr, als ein Theaterstück.“




