In der Alten Baumwolle Flöha geht auch im neuen Jahr eine Eisenbahnfähre auf Reisen: die Sassnitz, dass über die Ostsee stampfende Flaggschiff der Königslinie zwischen dem Osten Deutschlands und Schweden.
Flöha. Zumindest im 180 Zentimeter-Modellformat schippert der über 170 Meter lange schwimmende Koloss wenige Zentimeter durch die Miniaturlandschaft im Wasserbau. Jürgen Krönert und Bernd Günther sind zusammen mit den Akteuren des ABC-Vereins die Reeder und Crew. Das binnen eines Jahrzehnts gebaute Modell zählt zu den technischen Raffinessen der 800 Meter Schienenstrang zählenden und 100 Züge ins Rollen bringenden Modellwelt.
„Wir dürften damit den einzigen funktionstüchtigen Nachbau dieses Seegefährts in der Bastlerszene Deutschlands vorstellen“, so Jürgen Krönert. „Mit dem erzählen wir ein spezielles Kapitel der Eisenbahn- und vor allem Schiffsgeschichte. Bis das Exemplar in unser früheres Textilzentrum kam, ist ebenso ein spannendes Geschehen, welches Beharrlichkeit abverlangte“, erzählt der Bastler der ersten Stunde der Interessengemeinschaft.

„Schon bald mit dem Aufbau unserer Anlage reifte die Idee, dieses Modell nachzubauen und unserer Themenlandschaft eine Facette der Verkehrsgeschichte im Norden hinzuzufügen“, erklärt der Flöhaer. „2002 weilten wir erstmals in Mukran vor Ort, durften als Vereinsfreunde sogar hinauf auf die Brücke. Doch unserer Bitte, Bauunterlagen zu erhalten, gab die Reederei nicht statt. Doch die benötigten wir, wollten wir ein maßstabsgerechtes Modell mit den Eigenheiten des Schiffes nachbauen.“

Nach Mittelsachsen zurückgeehrt, brachten erneute schriftliche Ersuchen ebenso wenig Erfolg. „Umso interessanter ist es, dass ich nach Anmeldung im November 2011 in Begleitung der Bundespolizei in die Fähre hinein durfte. Den Moment nutzte ich, Fotos zu schießen und verfügbare Materialien einzusammeln. Das Wichtigste blieb indes weiter versagt: der Bauplan.“
Verblüfft nahm Jürgen Krönert aber geraume Zeit später eine Postsendung in Empfang, die diese gesuchten Dokumente beinhaltet. „2012 machten wir uns ans Aufbauwerk. 2014 konnten wir die Fertigstellung vermelden.“ Der frühere Bauhofleiter der Stadt kennt die Raffinessen des schwimmenden Transportmittels. „Dazu zählt insbesondere die Schienenführung. Nur in Mukran gibt es ein Weichensystem, mit dem auf engstem Raum über die Heckklappe die fünf Gleise an Bord mit 711 Metern Länge 58 Eisenbahnwaggons hineingeschoben werden konnten. Zudem fanden 170 Pkw und 875 Passagiere Platz an Bord.“

In Flöha in Betrieb gestellt, ließen die Ostseeanrainer nicht lange auf sich warten. Erstaunt und anerkennend registrierten sie den detailgetreuen Nachbau.
Krönert verweist darauf, dass 1987 im Auftrag der DDR die Sassnitz in Dänemark auf Kiel gelegt wurde. Sie verkehrte im Zeitraum von 1989, als sie der Deutschen Reichsbahn übergeben worden war, für verschiedene Reedereien auf der Route nach Trelleborg. „Während unser Schiff ein regelmäßiger Anziehungspunkt für Besucher ist, hat das Original längst ausgedient“, so der Modellbauer. „Die Fahrzeit endete unter schwedischer Flagge am 28. April 2020. Und am 20. Oktober 2021 erreichte sie das türkische Aliağa, wo sie bei den dortigen Abwrackwerften zur Verschrottung auf Land gefahren wurde.“ (hy)






