Wird es 2027 eine 13. Auflage des Liedersingens an der Günther-Ruh geben?

Die 12. Auflage des Musiktreffens in Vejprty war neuerlicher Beweis: regionales Liedgut und Lebensart des Erzgebirges werden tatkräftig gepflegt. Das grenzüberschreitende Kulturformat steht dennoch vor wichtigen Entscheidungen.

Bärenstein / Vejprty. Das Dutzend der einzigartigen Liederfeste an der Günther-Ruh von Vejprty (Weipert) ist am 4. Juli über die idyllische Naturbühne im Stadtteil Grund gegangen. Erneut wurde die Beliebtheit dieser von Sachsen und Böhmen organisierten Veranstaltung mit rund 2.000 Gästen bewiesen. Musikanten und Besucher strömten aus beiden Ländern herbei, wie die Vorbereitung in den bewährten Händen eines eingespielten Teams aus Sachsen und Böhmen bestand.

Neben den Akteuren des gastgebenden Denkmalpflegeverein Weipert unterstützten wiederum die Bürgermeister der Kommunen Bärenstein und Vejprty samt Bauhöfe das Treffen, wie Mitbürger entlang des Grenzbaches ihren ehrenamtlichen Beitrag leisteten. „Wir sind eine eingespielte Gruppe von knapp 20 Mitstreitern. Dieses Team steht beispielgebend für eine gelebte Nachbarschaft über den Grenzbach hinweg“, unterstrich der Vorsitzende des Denkmalpflegevereins und einstiger Mitbegründer des Liedersingens Uwe Schulze die gedeihliche Zusammenarbeit. Zwischen den Beteiligten stimmt einfach die Chemie, und das war schon bald nach den ersten Auflagen dieser Veranstaltung zustande gekommen.

Das Organisatoren-Team des Liederfestes, turnusgemäßer Treffpunkt im Kulturhaus Weipert. Foto: Christof Heyden

„Bewegend ist für mich, dass sich auch tschechische Einwohner tatkräftig für unsere Veranstaltung engagieren. Dazu zählen beispielsweise die Bewohner der staatlichen Sozialeinrichtung, die von einer gesundheitlichen Beeinträchtigung betroffen sind. Stellvertretend sei Roman Kuberka genannt, der Jahr für Jahr beim Auf- und Abbau hilft. Und ohne die Gastronomin des Kulturhauses Jana Srbecka und ihrem Mann, Koch Vaclav, wäre unser Fest gastronomisch ärmer. Auch diesmal brachten sie tschechischen Gerstensaft heran und servierten typische böhmische Imbissvarianten“, so Uwe Schulze.

Tschechische Bürgermeisterin begeistert sich fürs Feierohmdlied

Der Vereinsvorsitzende würdigt die tatkräftige unbürokratische Unterstützung der Bürgermeister Sylvio Wagner und Amtskollegin Jitka Gavdunova. „Die tschechische Stadtchefin bringt sich dabei als versierte Managerin und zugleich Dolmetscherin ein. Seit einem Jahrzehnt zählt auch der Kulturmanager von Vejprty, Petr Kratochvil zu den umsichtigen Mitgestaltern, der sich von Aufbau der Biergarnituren bis hin zum Aufbau der Dixi-Häuschen verantwortlich fühlt.“ Der Kulturmanager aus Vejprty begeistert sich durchaus für das Liedgut Anton Günthers. Und seine Rathauschefin verriet genauso, dass sie regelmäßig ein Gänseschauer überläuft, wird die traditionelle Melodie Feierohmdlied angestimmt.

Diesem Klassiker kommt dabei durchaus symbolische Bedeutung zu: im Rahmen des Liederfestes verabschiedeten die Gastgeber Bürgermeisterin Jitka Gavdunova. Mit kleinen Aufmerksamkeiten wurde der tatkräftigen Kommunalpolitikerin für ihre langjährige Unterstützung gedankt. „Es ist nicht selbstverständlich, dass ein tschechisches Stadtoberhaupt mit derart Engagement einen deutschen Verein fördert, der sich für das Liedgut der Erzgebirgsregion einsetzt. Frau Gavdunova ließ uns angesichts der jüngeren geschichtlichen Ereignisse nie Ressentiments spüren. Nach einer Kennenlernphase unseres Anliegens zeigte sie sich erfreut, dass es eine solche grenzüberschreitende Zusammenarbeit der Einwohner gibt.“

Uwe Schulze und Jitka Gavdunova – die Köpfe des Liederfestes in Vejprty. Foto: Rolf Serfert/ Denkmalpflegeverein Weipert

Neben dem lachenden Auge verdrückten die Vereinsfreunde auch eine Träne: Jitka Gavdunova scheidet im Herbst vom Amt als Bürgermeisterin aus. „Damit fehlt uns der wichtigste tschechische Ansprechpartner. Wie es ein Nachfolger handhaben wird, können wir noch nicht sagen“, so Uwe Schulze. Der macht zugleich deutlich, dass es auch innerhalb des Denkmalvereins, nahezu durchweg von deutschen Erzgebirgern gebildet, ein Stühlerücken geben wird. „Die Ideengeber des Liedersingens von vor fast zwei Jahrzehnten werden auch älter, sie wollen jetzt ebenso Nachfolger für dieses Erlebnisformat finden. Das ist nicht einfach, den Stafettenstab weiterzugeben.“
Laut dem Bärensteiner wollen sich die Beteiligten zum Ende des Urlaubsommers zusammensetzen, und zum Fortbestehen des Liedersingens beraten. Dabei gibt er zu bedenken, dass es noch längst nicht feststeht, ob es 2027 eine 13. Auflage der beliebten Begegnung geben wird.

Die Erinnerungsstätte Günther-Ruh

„Am 3. Juli 1938 waren Einheimische beiderseits der Grenze auf den Beinen, um dabei zu sein, als die Günther-Ruh feierlich geweiht wurde“, erzählt Uwe Schulze. Der Bärensteiner ist Chronist und hat sich mit diesem Thema beschäftigt. „Wir wissen, dass nach der Festrede von Alois Muck die Hülle von der Gedenktafel gezogen wurde, die aus Kupfer in der Weiperter Werkstatt von Ernst Lorenz geschaffen worden war.“  Ein extra komponiertes Lied wurde dargeboten und mit dem Singen des Feierohmd-Liedes war die Weihe beschlossen worden.

Gedenktafel für Anton Günther in Grund am Tag der Einweihung. Foto: Archiv Uwe Schulze

„Die Günther Ruh begründeten die Initiatoren um den Fabrikbesitzer Karl Walther Schmidl als Stätte des Innehaltens und Verweilens. Bekanntlich hatte 1937 Anton Günther den Freitod gewählt. Ein Ereignis, welches die Einheimischen damals noch immer sehr bewegte. Wie anderenorts zeigten sie so ihre Verbundenheit mit dem Heimatsänger“, so der Chronist. Der verweist darauf, dass der Geschäftsmann Schmidl mit dem Liedermacher bekannt war und der Sänger auch vor Ort weilte. Nahezu ein Jahr habe der Aufbau gedauert.

„An einem von wildem Gestrüpp und zerklüftetem Fels geprägten Standort wurde eine terrassenförmige Anlage errichtet. Mehr als 2000 Kubikmeter Gestein wurden dafür bewegt. Dabei wollten die Erbauer den natürlichen Charakter erhalten“, so Uwe Schulze. Und so bestimmten Pflanzen wie Immergrün, Himmelschlüssel und Vergissmeinnicht das Bild im Grünen. Regelmäßig versammelten sich die Menschen, Gesangsvereine luden ein.

„Doch der 2. Weltkrieg stand vor der Tür, bald hatte die Wehrmacht Tschechien besetzt“, denkt Schulze zurück und erinnert daran, dass die Konflikte bis ins Heute reichende tiefe Wunden geschlagen haben. Spätestens mit Errichtung eines Sperrgebietes auf dem Stadtgebiet von Weipert Grund geriet der Gedenkort in Vergessenheit. Die Natur ergreift Besitz, Gedenktafeln verschwinden, das Gelände verkommt.

Seltenheitswert! Ranzen Max, vorn und Jörg Heinicke als singende Fischköppe zur Jubiläums-Auflage 2018. Foto: Christof Heyden

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Hier ein kleiner Rückblick auf das Jahr 2017. Über 1000 Besucher erlebten das dritte Anton Günther Singem am Anton Günther Stein in Weipert. Jörg Heinicke (rechts) und Ranzen Max singen das Annaberger Lied…

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen

Antons Erben singen am Grenzbach 2018

Mit der politischen Wende unternahm Uwe Schulze 1990 eine erste Suche, wie es um den Standort bestellt ist. „Klar, dass man beiderseits der Grenze andere Prioritäten setzte, als ein Denkmal für Anton Günther wieder herzurichten, zumal er für die tschechische Bevölkerung kaum bekannt war. Es hat einer gehörigen Portion Enthusiasmus bedurft, Mitstreiter zu finden. Insofern verdient es großen Respekt, in Verantwortlichen der Stadt Vejprty zuverlässige Partner gefunden zu haben, die dieses Projekt mit vorantrieben“, so Uwe Schulze. „Im Ergebnis dieser Bemühungen wurde beispielsweise der Verein Denkmalpflege Weipert gegründet.“

Der aus Baden-Württemberg stammende Michael Holzapfel habe als damals in Kühberg zugereister Gastwirt die Idee geboren, an der Günther-Ruh wieder Leben einziehen zu lassen, er habe den Impuls zu der im Oktober 2012 vollzogenen Vereinsgründung gegeben.

Groß die Genugtuung bei den Organisatoren, als 75 Jahre nach der Weihe am 3. Juli 2013 das wieder hergerichtete Denkmal eine neuerliche Einweihung erlebte. Besonderer Höhepunkt: Mit Anna Pöschl war eine hoch betagte Zeitzeugin dabei, die bereits 1938 als Mädchen mit ihrer Mandoline zur Einweihung aufgespielt hatte. (hy)  

Bereits 0 Mal geteilt!

WEITERE BEITRÄGE AUS DIESER KATEGORIE

Autor

Christof Heyden
Christof Heydenhttps://www.erzgebirge.tv
in Chemnitz lebend, geb. 1961 in Pirna, Diplom-Kulturwissenschaftler Humboldt-Uni Berlin, seit 1993 Freier Journalist und Pressefotograf. Mailadresse: christof.heyden(at)erzgebirge.tv

Beiträge mit ähnlichen Schlagwörtern