Das gibt es nur in Hormersdorf. Eine Mundartuhr, die unbeirrt im digitalen Zeitenrausch tickt und nur den fünf Minuten Takt kennt
Hormersdorf. Ins Uhrwerk der Weltgeschichte wird in Hormersdorf im Erzgebirge nicht eingegriffen. Und dennoch wissen die Einheimischen im tausendstel Sekunden getaktetem Erdenumlauf auf ungewöhnliche und zugleich traditionelle Weise einen eigenen Zeitenschlag zu geben.
Stunden und Minuten sind in der Erzgebirgsgemeinde untrennbar mit der heimischen Sprech- und Schreibwiese verbunden. Kein Wunder, dass eine Mundart-Uhr das Schmuckstück des Ortes darstellt.
Am Dorfplatz im Zentrum steht das originelle Teil, welches gelebte Kultur der Menschen verkörpert. Sie zeigt die „Hormersdorfer Zeit“ an, eine Eigenart der Gemeinde. Seit dem 15. Oktober 2006 tickt die Ziffern-Uhr. Eine Besonderheit: Die Installation zeigt die Uhrzeit so an, wie sie in der Region um Hormersdorf gesagt wird, nämlich mit Ziffern. Dies ist eine sprachliche Eigenheit, wobei nicht bekannt ist, woher diese Zeitangabe stammt.
Die Hormersdorfer (Eigen-)Zeit
„Sie wird in fünf Minuten Schritten angesagt und angezeigt“, so Regine Seifert, Vorsitzende des hiesigen Erzgebirgszweigvereins. „Dies begründet sich aus dem Lebensrhythmus der Bauern. In den voran gegangenen Jahrzehnten spielte die Minute noch kein entscheidendes Zeitmaß“, so die Expertin.

Viele pfiffige Einheimische trugen zum Gelingen des unterhaltsamen Projektes bei. Zu den maßgeblichen Erbauern gehören Friedemann Rehm, Holger Vorberg und Christian Vorberg. Sechs Jahre tüftelten die geschickten Fachleute von einer Grundidee bis zum ersten Glockenschlag an dem Projekt. In einer Rotweinrunde wurden erste Zeichnungen aufs Papier gebracht. Holger und Christian Vorberg waren 1999 auf der Suche nach einen Symbol für ihren Heimatort. Anlass war ein von der Gemeinde ausgeschriebener Wettbewerb.
Mundart-Dichterin Regine Seifert erinnert sich, dass die Erzgebirgischen Tage der Jugendkultur ebenso ein Impuls für das Projekt waren. „Bei diesem Wettbewerb gilt es auch neue Lieder und Gedichte zu schreiben. Wir hatten 1996 die Idee, zu unserer Zeiteigenheit ein Lied zu schreiben, diese Idee floss in die Überlegungen der Erbauer der Mundartuhr mit ein.“
Als Vorbild diente schließlich die Bühnenuhr der Semperoper in Dresden. Dort werden über ein Laufrad die aktuellen Stunde (in römischen Ziffern) und über ein zweites Laufrad die Minuten angezeigt. Diese wechselt in Fünf-Minuten-Schritten: genauso, wie sie die alt eingesessenen Hormersdorfer ansagen.
Sechs Jahre Bauzeit von Idee bis erstem Glockenschlag
Nach ungezählten Diskussionsrunden und Versuchsarbeiten nahm die Uhr Kontur an: Zwei Scheiben wurden nebeneinander angeordnet. Sie symbolisieren Wasserräder, die im Bergbau und zum Mühlenbetrieb verwendet wurden. Bergbau und Kornmühlen waren auch in Hormersdorf in früheren Zeiten wichtige Erwerbszweige. Die eine Scheibe zeigt die Stunden, die zweite mit den Ziffern, die Minuten. Dort, wo sich beide Scheiben mit ihren Anzeigewerten treffen, ist die aktuelle Zeit ablesbar.
Angesteuert werden die schweren Holzscheiben von einem Mikroprozessor. Der bekommt von einer Funkuhr die Realzeit gesendet, vergleicht die über Sensoren mit der angezeigten Zeit und gibt den Motoren schließlich bei der ermittelten Differenzdauer das Signal, die Scheiben wieder zu bewegen. Ein Glockenwerk ist akustisch zu vernehmen, zu jeder vollen Stunde wird, einer Kirchturmuhr vergleichbar, gebimmelt. Nette Geste für Zugereiste: Es gibt noch die klassische Zeitanzeige auf der Rückseite der Uhr.

So wird abgelesen und angesagt
Auf der Hormersdorfer Installation wird die Zeitangabe „digital“, das heißt als Schriftzug, in erzgebirgischer Mundart angezeigt. Hier das Beispiel für die zweite Stunde:
Die vollen Viertelstunden werden dabei, wie gebräuchlich, mit „viertel (zwei)“, „halb (zwei)“, „dreiviertel (zwei)“ und „um (zwei)“ (Uhr) angegeben. Aber die Hormersdorfer wenden das gleiche Prinzip auch im Fünfminutentakt an. Die Fünfminutentakte werden als „Ziffern“ bezeichnet, da sie ja durch die Ziffern auf dem Zifferblatt der Uhr markiert werden. Wenn also der große Zeiger auf der 2 steht, sind 2 „Ziffern“ der Stunde vergangen, also ist es „2 Ziffern spät“. Mit Angabe der zugehörigen Stunde klingt das dann „zwee Ziffern zwe’e“.
Die (zweite) Stunde wird dann also im Fünfminutentakt so angegeben und vorausschauend zur kommenden vollen Stunde ermittelt:
- 13:05 Uhr = 1 Ziffer 2 – ä Ziffer zwee’e
- 13:10 Uhr = 2 Ziffern 2 – zwee Ziffern zwee’e
- 13:15 Uhr = viertel 2 – värtel zwee’e
- 13:20 Uhr = 4 Ziffern 2 – vier ziffern zwee’e
- 13:25 Uhr = 5 Ziffern 2 – fünf Ziffern zwee’e
- 13:30 Uhr = halb 2 – halb zwee’e
- 13:35 Uhr = 7 Ziffern 2 – siehm Ziffern zwee’e
- 13:40 Uhr = 8 Ziffern 2 – ocht ziffern zwee’e
- 13:45 Uhr = dreiviertel 2 – dreivärtel zwee’e
- 13:50 Uhr = 10 Ziffern 2 – zaa Ziffern zwee’e
- 13:55 Uhr = 11 Ziffern 2 – ülf Ziffern zwee’e
- 14:00 Uhr = um 2 – üm zwee’e

Das Lied für und über die Mundartuhr
1.
In Hormersdorf gibt´s ne besondere Zeit. Die gab´s früher, die gibt´s ah noch heit.
Die kaa mer net leerne, gelabt mir dos fei, die muss en in de Wieg miet neigelegt sei.
5 Minuten sei äne Ziffer. Könnt ihr dos verstieh? Net? – Für uns is dos efach, bequam un ah schieh,
De Schul, die fängt üm achte aa, wie die Zeit vergieht, ward ihr gelei sah:
Un do wärds ä Ziffer neine, zwei Ziffern neine, viertel neine, saht har,
vier Ziffern neine, fünf Ziffern neine, halb neine, dos it net schwar,
sieben Ziffern neine, dreiviertel –schu is ne Schulstund vorbei, zah Ziffern neine,
elf Ziffern neine, bis üm neine soll Pause sei.
2.
Nu maldt sich dr Hunger, Is net ball su weit? Mir hobn gutes Assen, wos gibt´s dä när heit?
Un wenn´s endlich klingelt, do sausen mir hie. Spaghetti soll´s gab´n, oder Kließ mit viel Brüh.
Un do wärds ä Ziffer ens, zwei Ziffern ens, viertel ens, saht har,
vier Ziffern ens, fünf Ziffern ens, halb ens, dos is gar net schwar,
sieb´n Ziffern ens, acht Ziffern ens, dreiviertel –schu is dos Assen vorbei,
zah Ziffern ens, elf Ziffern ens, üm ens – nu müsst´n mer richtig satt sei.
3.
De Schularb, die ward bei uns stets gemacht. Su schwar is dos net, dos wär doch gelacht.
Ob rachne mit Klammern, ob Orthographie, Gedicht lern´ oder Geometrie, in äner Stund is alles vorbei.
Bluß wie de Zeit rennt, do guckst de gelei.
Un do wärds ä Ziffer fünfe, zwei Ziffern fünfe, viertel fünfe, saht har,
vier Ziffern fünfe, fünf Ziffern fünfe, halb fünfe, dos is net schwar,
sieb´n Ziffern fünfe, acht Ziffern fünfe, dreiviertel –schu is de Schularb´ vorbei,
zah Ziffern fünfe, elf Ziffern fünfe, puuh – fertig, un fix pack´ mer ei!
4.
Üm achte schickt uns die Mutter ze Bett, Se sogt: „Schloft schie!“ Mir machen dos net.
Un wenn unsre Eltern ze Bett endlich sein, do schalten mir fix noch en Krimi ei.
Do gieht´s haarig zu – En Killer, dan fahlt schu e Zah.
Do is es kaa Wunner, wenn mer net Eischlofen kaa.
Un do wärds ä Ziffer zwölfe, zwei Ziffern zwölfe, viertel zwölfe, saht har,
vier Ziffern zwölfe, fünf Ziffern fünfe, halb zwölfe, dos is net schwar,
sieb´n Ziffern zwölfe, acht Ziffern zwölfe, dreiviertel – ´s ward ah ball Mitternacht sein,
zah Ziffern zwölfe, elf Ziffern zwölfe, üm zwölfe schlägt´s – endlich schlofen mer ei!





