Update: Am 23. und 24. August 2025 wird das 150-jährige Bestehen der Strecke gefeiert. In Reitzenhain und Krima sind Veranstaltungen vorbereitet, ein Pendelbus verbindet die Stationen. Das Jubiläum gibt Gelegenheit, diesen Archivbeitrag noch einmal beizusteuern.
Einst pulsierender Verkehrsknotenpunkt ist der frühere weiträumige Eisenbahnkomplex Bahnhof Reitzenhain längst vom Betriebsgeschehen abgekoppelt worden. Vor 145 Jahren feierte indes eine Region im Juli 1875 die Eröffnung dieser länderübergreifenden Verbindung.
Reitzenhain. Kaum ein Zeitzeuge, der noch um die eine gesamte Region begeisternde Streckeneröffnung vor 145 Jahren am 12. Juli 1875 weiß. Schrumpfend die Zahl derer, die hier noch Jahrzehnte später als Passagiere ihre Reise angetreten haben oder bei Wind und Wetter bis Ende der 1990er Jahre ihren Job im Schichtrhythmus geleistet haben. Zur Schar der Augenzeugen zählt Joachim Görner. Der 73-Jährige schnaufte ein Berufsleben lang mit Dampf- und später mit Diesellokomotiven im Betriebsdienst den Erzgebirgskamm bis 778 Meter über NN hinauf.
„Als in der zum Bahnbetriebswerk Chemnitz zählenden Einsatzstelle Pockau verpflichteter Triebfahrzeugführer bin ich mit dampfenden 86er-Stahlross und nachfolgend mit V 60, V 100 und V 180- Lokomotiven im Personen- und Güterzugdienst regelmäßig bis Reitzenhain gefahren“, blickt der Neuhausener auf eine bewegte Zeit zurück. „Als ich in den späten 1960er Jahre meine Laufbahn angetreten habe, erinnerte indes schon fast nichts mehr an die Hochzeiten, in denen der Standort vordem noch die Aufgabe eines Grenzbahnhofs zu Österreich bzw. der Tschechoslowakei hatte“, so der Reichsbahn-Hauptsekretär.
Der weiß um die imposanten baulichen Gegebenheiten, die vor 1945 mit sechs Haupt- und zehn Nebengleise samt 33 Weichen die größte Betriebsamkeit erlaubten. Eine Drehscheibe an Gleis 1 diente zum Drehen von Schlepptenderlokomotiven. Ab Ende der 1930er Jahre verkehrten Züge direkt von Chemnitz über Reitzenhain bis Krima und von da bis Komotau. 100 Beschäftigte fanden damals Arbeit.

Mit Ende des 2. Weltkrieges verlor der Bahnhof samt Strecke zunehmend an Bedeutung. Ein Teil der Bahnhofsgleise wurde als Reparationsleistung für die Sowjetunion demontiert. Chronisten berichten, dass per 1. Oktober 1978 der Reiseverkehr nach Reitzenhain eingestellt worden war und nur noch dem Güterverkehr diente.
„So bedienten wir seinerzeit noch das Torfwerk und andere Betriebe entlang der Trasse, die bekamen beispielsweise Kohle als Energieträger“, erinnert sich der Lokführer an schweißtreibende Tage. Doch wendebedingt war auch damit bald Schluss, wurde 1994 auch der Güterverkehr zwischen Marienberg und Reitzenhain endgültig eingestellt. Nach Stilllegung der Strecke Reitzenhain–Marienberg im Jahr 1998 wurden die verbliebenen Gleisanlagen im Jahr 2013 demontiert.
„Vordem hatte es ungezählte Initiativen gegeben, die Strecke am Leben zu halten bzw. Wiederzubeleben. So engagierte ich mich damals in der Interessengemeinschaft Pro Bahn“, erzählt Joachim Görner. „Mit spektakulären Aktionen versuchten wir, die Strecke in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken, gelang es uns, hochrangige Bahnvertreter nach Marienberg zu holen. Als ein Höhepunkt dürfte die Sonderzugfahrt des Schnelltriebwagens Karlex gelten, der sich wie ein Wurm durch die Täler des Erzgebirges schlängelte. Doch angesichts der mangelnden wirtschaftlichen Substanz und anderer Infrastrukturentscheidungen wurde die Bahnidee für Reitzenhain nie ernsthaft fortgeführt.“

Geschichtsinteressierte wie Romeo Bräuer wissen manch Begebenheit mit der Eisenbahn von nicht weniger ereignisreichen Zeiten vor 75 Jahren zu erzählen. „Einheimische wissen natürlich um dramatische Momente des Jahres 1945, als ein russischer Militärzug auf der Trasse verunglückte und sechs Eisenbahner der Region dafür verantwortlich gemacht worden sind. Dabei hatten die sich geweigert, einen überschweren Transport mangels Bremskraft mit nur einer Dampflok zu bewerkstelligen. Nicht nur tote Soldaten waren zu beklagen. Fünf der seinerzeit Dienst ausübenden Erzgebirger sind nie wieder in die Heimat zurückgekommen.“
Der Kühnhaidner nennt zu den Sammelstücken auch Polizeiakten, in denen von Plünderungen eines Güterzuges berichtet wird. „Ein mit Reparationsgut beladener Transport stand längerer Zeit offenbar zu wenig beaufsichtigt im Bahnhof Reitzenhain. Die Anwohner wussten dies zu nutzen und besorgten sich beispielsweise die darin verladene Stragula genannte Linoleum-Imitation, die aus mit Teer imprägnierter Pappe besteht. Energischer Appell des Bürgermeisters forderte per 11. Juni 1945 die Einheimischen unter Androhung von schweren Strafen auf, auch bereits verlegtes Material umgehend wieder im Gemeindeamt abzugeben“, so Romeo Bräuer.





