Alltag in Holz erlebbar

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Junge Schnitzer haben diese Szene des renommierten Bergmeisterpokals nachgestaltet. Regelmäßig suchen die Bergleute auf heitere Weise den sportlichen Vergleich. So beim Bergziege melken, den Hunt befüllen oder dem Arschlederspringen. Foto: Christof Heyden

Mit einer Sonderausstellung würdigt Schneeberg den 100. Geburtstag der Städtische Schnitzschule zu Neustädtel. Sie zeigt vielgestaltige Handschriften und würdigt neben Meisterschülern auch das Schaffen eines nimmermüden Lehrmeisters.   

Schneeberg. Ein reizvolles, in besonderer Weise gestaltetes Abbild des erzgebirgischen Alltags ist in einer neuen Sonderausstellung im Museum für Bergmännische Volkskunst in Schneeberg zu erleben. Die ab 18. Juli gezeigte Schau rückt das Schaffen der Akteure der Städtischen Schnitzschule zu Neustädtel in den Blickpunkt. Die feiert in diesen Tagen das 100-jährige Jubiläum. Willkommener Anlass, diese Interessengemeinschaft mit exemplarischen Arbeiten aus der Jahrzehnte währenden Tätigkeit zu würdigen.

Per 26. Juli 1920 begründete Gustav Riedel die damalige Schnitzgemeinschaft Glück auf, die seitdem einen nachhaltigen Beitrag im Berufs- und Freizeitleben für die Bergstadt und ihre Menschen leistet. Ungezählte Einheimische haben hier ihre erste künstlerische Begegnung mit dem Holz erlebt und Basiswissen für ihr Hobby erworben.

Doch auch aktuell agierende namhafte Designer und Holzbildhauermeister nennen diese Ausbildungsstunden in der Schnitzschule als maßgebend für ihre weitere Karriere. Daher sind in einem Teil der Ausstellung ausgewählte Arbeiten jener heute professionellen Schnitzschüler zu sehen. Neun hier gezeigte Vertreter haben später ihre Handschrift an den Hochschulen Burg Giebichenstein Halle oder Angewandte Kunst in Schneeberg vervollkommnet.

Der 88-jährige Walter Pflugbeil bildet seit über 50 Jahren junge Leute in der Kunst des Schnitzens aus. Der Meister nimmt Ausstellungstücke in Augenschein. Foto: Christof Heyden

Mit Walter Pflugbeil rückt ein Akteur in den Mittelpunkt der Schau, der seit mehr als 50 Jahren als Lehrmeister für die Geschicke des Nachwuchses der Schnitzschule die Verantwortung trägt. Er setzte gerade bei den Meisterschülern den entscheidenden Impuls. Der 88-Jährige verfügt über die Gabe, bei jungen Leuten immer wieder die Begeisterung fürs Material und Schnitzmesser zu wecken. Per 15. September 1970 übernahm er die Leitung des Kinderschnitzzirkels.

Mit dem von der Pike auf gelernten Meister verbindet sich der Titel der Schau auf besondere Weise: „Unterwegs auf traditionellen und neuen Wegen“ – immer wieder zeigt sich der rüstige Senior mit seinen Schützlingen auf der Höhe der Zeit und sucht mit ihnen nach kreativen Ansätzen in einem Jahrhunderte altem Genre. Walter Pflugbeil birgt für schöpferisches Tun und handwerkliche Qualität. Allemal ein Grund, dass der Schneeberger Stadtrat für seine Verdienste Walter Pflugbeil zum Ehrenbürger ernannte.

Diese Exponate stammen aus der Gründungszeit und wurden vor knapp 100 Jahren geschaffen. Foto: Christof Heyden

In einem weiteren Abschnitt der Schau werden diese jungen Schnitzarbeiten der Kinder und Jugendlichen von heute vorgestellt. Im Rahmen der Erzgebirgischen Jugendkulturtage, dem renommierten Leistungsvergleich in der Region zum Thema Kunst, heimsen die Schneeberger regelmäßig Preise ein. 120 Arbeiten sind zu bestaunen und die beweisen das Talent der Akteure.
Dabei kommt das Moment des Traditionellen altersgerecht neu verpackt pfiffig daher: Mit Fuß- und Basketball spielenden Knirpsen genauso, wie mit den ihre Traditionssportarten ausübenden Bergleuten beim Schachtziege melken, Hunt befüllen oder Arschleder rutschen.

Noch immer gilt die Schnitzschule als erste Adresse in Sachen sinnvoller Freizeitgestaltung. 40 bis 50 Schüler besuchen regelmäßig unter der Woche in zwei Kursen die Lehrgänge, so mancher nutzt das Ganztagsangebot der Oberschule der Bergstadt. Eine gute Basis, dass weitere runde Geburtstage gefeiert werden können.