Federvieh watschelte durchs Erzgebirge

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Gaenserupper aus dem Erzgebirge auf dem Treiberweg durch die Region vor dem I. Weltkrieg. 200- 300 Tiere brachten sie als Lebensware zu den Kunden. Foto: Sammlung Erzgebirgszweigverein Satzung

Gäns‘rupper lautet ein Koseruf für die Satzunger. Wird doch auf den einst ausgeprägten Handel mit Federvieh durch einheimische Hausierer angespielt.

Satzung. Zu Hunderttausenden watschelten die Gänse, von hiesigen Wanderhändlern organisiert, in Sachsen aber gerade auch in Erzgebirgsgemeinden zu den Landwirten. Die Viecher sicherten den Lebensunterhalt ganzer Familienverbände Satzunger Handelsleute, zeigt ein Blick in Zeitdokumente. „Entwickelt hat sich die Handelstätigkeit der Satzunger aus dem um 1700 betriebenen Landfuhrwesen“, sagt Andrea Lohs vom hiesigen Erzgebirgszweigverein. „Es wurden Waren aus dem „Niederland“ geholt und über die Grenze nach Böhmen gebracht. Weil sich aber die Österreicher ihre Waren nach und nach selbst hier holten, versiegte um 1800 diese Einnahmequelle für die Fuhrleute. Auch raues Klima und geringe landwirtschaftliche Erträge zwangen die Satzunger, neue Perspektiven zu suchen“, so die Erzgebirgerin.

Fuhrleute nahmen nun auch Waren – oft Textilwaren, Klöppelspitzen usw. –  auf ihren Reisen mit und verkauften diese in Gasthöfen, wo sie übernachteten. So entwickelte sich der Wanderhandel. Während die Ärmsten eher Tauschhandel betrieben (z.B. Kienspäne gegen Kartoffeln), konnten Finanzkräftigere mit Bettfedern, die sie in Böhmen bezogen oder auch mit Nägeln oder Feuerschwamm hausieren gehen. Vermögende Satzunger wandten sich dem Pferdehandel zu. 1860 hatten nachweislich 40 Pferdehändler im Ort ihren Sitz gehabt. Die brachten die Vierbeiner aus österreichisch-ungarischem Revier von böhmischen Pferdemärkten herüber, um sie in Freiberg, Zschopau und Chemnitz zu verkaufen“, so Andreas Lohs.

Gaenserupper aus dem Erzgebrige, vor dem I. Weltkreig. Foto: Sammlung Erzgebirgszweigverein Satzung


„Ab 1880 blühte genauso der Gänsehandel auf, dabei organisierten die Erzgebirger den Vertrieb von Tieren aus Russland. Die bestens organisierte Arbeitsteilung zwischen An- und Verkäufern über eine solch große Distanz lässt staunen“, sagt die Satzungerin. Handelszeit sei ab Ende Juli bis in den Herbst gewesen. „Eine Herausforderung war die Fütterung. Die Ernte musste von den Feldern und das Heu gemacht sein, bevor man die Gänse auf die Stoppelfelder und Wiesen trieb.“ Immerhin wurden pro Saison rund 300.000 Tiere in die Region geholt, die von russischen und polnischen Vermittlern bis an die Grenze gebracht wurden.
Dort wurden die per Bahn anrollenden Gänse von Großhändlern übernommen und nach Sachsen gebracht. Etwa 1200 Stück Federvieh waren in 4 Etagen an Bord eines Waggons. An Verteilstationen wie in Riesa und Großenhain, aber auch Flöha, Wüstenbrand und Glauchau angekommen, wurden kleinere Chargen von 200- 300 Gänsen  gebildet und an die Satzunger Kleinhändler übergeben.

Gaenserupper aus dem Erzgebrige, vor dem I. Weltkreig. Foto: Sammlung Erzgebirgszweigverein Satzung


Die trieben, mit Gänsehaken ausgerüstet, ihr watschelndes Handelsgut durch Städte und Dörfer. „Dabei gab es durchaus Verluste. Verkauft wurde das Stück zwischen 3,00 und 3,40 Mark“, so Andrea Lohs. Reichtümer habe man nicht anhäufen können, aber der Handel ernährte Frau und Mann. „Oft lebten die Leute auf Pump. Erst mit dem jährlichen Gänseverkauf tilgten sie ihre Schulden bei Gläubigern.“ Bis in die 1920er-Jahre habe der Gänsehandel floriert.
Ein Blick in Chroniken zeige, dass die überwiegende Zahl der Satzunger einer Handelstätigkeit nachgingen. Um 1900 waren auch viele Frauen v.a. als Spitzenhändlerinnen in ganz Sachsen unterwegs.
Fast 100 Einheimische, die mit Holz, Textilien, Posamenten, Christbäumen, Salz, Wild u.a. handeln, werden noch 1939 in diesen Zeitdokumenten erfasst.
Andrea Lohs nennt eine Tugend, die die Satzunger neben ihrem Gäns‘rupper-Ruf ebenso auszeichnet: „Die Weltoffenheit. Ihr Talent zum Hausieren förderte bei den Einheimischen den Blick über den berühmten Tellerrand.“