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Warum umlagern 120 Kunststoffnetze 30 Baumriesen?   

Herbstzeit ist Erntezeit: auch in den Wäldern der Region Chemnitz sind forstwirtschaftliche Tätigkeiten in vollem Gange. In einem Falkenauer Revier wird das Genmaterial zukünftiger Stieleichen gewonnen.

Falkenau. Grüne Kunststoffbahnen bilden in einem Forststück Nahe der Gustav-Haubold-Siedlung derzeit eine temporäre Auffangvorrichtung. Zu Füßen von hochbetagten aber strammen Laubbaumriesen bilden Fangnetze ein fast der Größe eines Fußballplatzes gleichendes Geflecht.
„An diesem anerkannten Saatgutbestand hat mit Wochenbeginn die Saatguternte begonnen“, so Fortwirtschaftsmeister Ingo Fritzsche. „Rund um hier ausgewählte 30 Stieleichen legen wir jeweils vier Bahnen der feinmaschigen Textilien über dem Wurzelboden aus. Mit denen fangen und sammeln wir in den nächsten vier Wochen die herabfallenden Früchte.“

Rund um 30 Stieleichen werden im Falkenauer Forst Kunstsoffnetze ausgeelegt, die zum Sammeln der Samenfrüchte genutzt werden. Foto: Christof Heyden

Die Begier der Forstleute gilt den zwei bis drei Zentimeter großen Eicheln eines 170 Jahre alten Baumbestandes. „Unsere Fachleute haben in einer Vorabschau jene Exemplare markiert, von denen wir uns vielversprechendes genetisches Material erhoffen. Die Prozedere verlangt, wenigstens den Samen von 20 Bäumen aufzufangen, um die genetische Vielfalt zu wahren. Wir haben uns für zehn weitere Eichen entschieden“, so der Lehrausbilder im Forstbezirk Chemnitz.

Im Konzept des Waldumbaus unter Aspekt der Temperaturherausforderungen spielt diese Art eine in hiesigen Gefilden eine wichtige Rolle. „Stieleichen verstehen sich auf Dürrezeiten. Bei Trockenheit können sie durch ihr Wurzelwerk aus tieferen Bodenschichten Wasser erreichen“, so der Fachmann.
Das Ausbreiten der Bahnen, deren Befestigung und die Präparation des Waldbodens haben Lehrlinge des ersten und dritten Lehrjahres übernommen. „Die Saatguternte ist ein Bestandteil des vielgestaltigen Ausbildungsprogramms für unsere Berufseinsteiger“, stellt Ingo Fritzsche fest.

Ruben Leppelmeier, links und Annabell Rathmann legen Kunstsoffnetze aus und beschweren sie mit Naturmaterial. Foto: Christof Heyden

„Rund um die ausgewählten Eichen räumen wir Holzbruch zur Seite, reduzieren Bodenunebenheiten, entfernen Laub. Und dann lassen wir der Schwerkraft bei jedem Wetter ihren Lauf. Wir erwarten pro Baum etwa 30 Kilogramm Saatgut. Dieses wird später verpackt und zur weiteren Aufbereitung in die Darre nach Flöha transportiert. Hier wird Material begutachtet und ausgelesen, gereinigt und für den Vertrieb in Baumschulen portioniert. Dort werden sie herangezogen.“

Mit dem Saatgut wird die Grundlage für eine neue Generation an Stieleichen gelegt, die wiederum auch erst in weit mehr als 100 Jahren als Nutzholz verfügbar sein könnten. Deren Hege und Pflege ist Aufgabe der Urenkel-Generation. Daher wird für das Saatgut und den Bestand ein Stammzertifikat erstellt. Dieses gibt der Nachfolgegeneration die Antwort, woher eigentlich diese Stileichen kommen.

Timon Richter, 3. Lehrjahr, schneidet aus vorliegenden Holzstücken kleine Segmente, mit denen die KUnstsoffnetze zum Sammeln beschwert werden. Foto: Christof Heyden


Ein Vorurteil beschäftigt Ingo Fritzsche: „Dass in der Öffentlichkeit der Beruf des Forstarbeiters zumeist allein an Baumfällungen und Rückarbeiten festgemacht wird. Wir sind nicht täglich mit der Säge am Werk. Der Job mehr denn je facettenreich angelegt. Da gehört wie jetzt geschehen, die Gewinnung von Saatgut dazu, sind Arbeiten der Lagerung, der Aussaat und der Pflege und Durchforstung genauso wichtige Aspekte“, so der seit 38 Jahren tätige Fachmann. „Zu wesentlichen Standbeinen gehören zum einen die Holzernte und die Forsttechnik, zudem die Landschaftspflege und Waldwirtschaft. Einen größer werdenden Bereich nimmt das Monitoring, das Beobachten der Bestände, ein.“

Dem Samen der Stieleichen gilt das Interessevon Forstwirtschaftsmeister und Lehrausbilder Ingo Fritzsche. Christof Heyden

Aktuell erlernen im Forstbezirk Chemnitz 15 Frauen und Männer den Beruf des Forstwirts. „Pro Lehrjahr sind fünf Azubis in der auf drei Jahre angelegten Ausbildung. Diese ist begehrt. Im Schnitt bewerben sich auf die fünf verfügbaren Stellen 70 Interessierte. Gefragt sind ein gewisses Maß an handwerklichem Geschick, die Tugend, mit kreativem Potential selbstständig zu arbeiten und offen für neues zu bleiben.“ Fast alle Absolventen der Ausbildung in Sachsen fanden 2024 eine feste Anstellung“, so der gebürtige Chemnitzer.

Während die Ernte für das Saatgut der Douglasie gelaufen ist, freuen sich die Forstleute auch über ein sehr gutes Ergebnis der Vogelkirsche. „Auch von Bergahorn und Hainbuche bringen wir derzeit Samen ein. Ende Oktober wird zudem die Linde folgen,“ informiert Ingo Fritzsche. (hy)

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Autor

Christof Heyden
Christof Heydenhttps://www.erzgebirge.tv
in Chemnitz lebend, geb. 1961 in Pirna, Diplom-Kulturwissenschaftler Humboldt-Uni Berlin, seit 1993 Freier Journalist und Pressefotograf. Mailadresse: christof.heyden(at)erzgebirge.tv

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