Mit dem höchsten Bauwerk Freibergs verbindet sich die Geschichte der Familie Nepp. Ein Zeitgenosse steigt dabei in den Spuren seines Vorfahren wieder in die Treppenstufen
Freiberg. Auch in diesen Julitagen erklimmt Gerald Nepp die 220 Stufen in die Spitze des Petriturms zu Freiberg. Als Mitglied einer achtköpfigen Interessensgruppe von Turmführern lädt er interessierte Zeitgenossen ein, die Objekt- und Stadtgeschichte aus besonderer Perspektive kennen zu lernen.
Mit dem Aufstieg in das mit 72 Metern höchste und seit dem 13. Jahrhundert bekannten Bauwerk der Silberstadt steigt er Schritt für Schritt in die Spuren seines Vorfahren: mit Carl August Nepp versah der Urgroßvater einst seinen verantwortungsvollen Dienst als letzter Türmer der Stadt.

„Dabei jähren sich die Ereignisse, denn zum 23. Juli 1886 richtete er seine Bewerbung an den Stadtrat zu Freiberg, das Amt übernehmen zu dürfen. Und aus den aufbewahrten Unterlagen wissen wir, dass er zum 1. Juli 1905 seinen letzten Dienst auf dem Petriturm verrichtet hat und somit die Geschichte der Stadtwächter mit ihm vor 120 Jahren geendet hatte“, so Gerald Nepp.
Der engagiert sich seit 2019 in dieser ehrenamtlichen Aufgabe mit Familienbezug. Dabei vereint den pensionierten Freiberger das Faible und Verantwortungsgefühl mit dem Vorfahren. Heutige Zeitgenossen kennen ihn als Kreisbrandmeister Mittelsachsens und Fachmann des Feuerwehrwesens. „Gerade der herausragende Beitrag, Brände zu verhüten war die ureigenste Funktion der Türmer. Bekanntlich ist Freiberg in seiner Geschichte durch Feuersbrünste wiederholt arg getroffen worden.“

Ungezählte Stunden habe Gerald Nepp und Akteure der Interessengruppe in den Archiven gestöbert, die Dokumente zur Geschichte gesichtet. „Seit 1440 mussten Bürger Dienst tun und einen Beitrag zur städtischen Sicherheit leisten“, kennt Nepp die Quellen. „Von 1549 an kennen wir die Türmer, damals auch als Hausmann bezeichnet. Von damals stammt die erste Dienstanweisung mit Obliegenheiten. Er wurde jeweils für ein Jahr von Ostern bis Ostern vom Stadtrat angestellt, wenngleich die Kirche St. Petri der Kirche zugeordnet ist. Er musste sich aber immer wieder neu bewerben und wurde feierlich für die Funktion als Beamter vereidigt.“

Der Dienstablauf verlangte Pünktlichkeit, Kondition, Entbehrungen und Gewissenhaftigkeit. „Die Türmer hatten einen 24-Stunden-Dienst. Von 22 bis 4 Uhr gaben sie viertelstündlich ein Hornsignal ab, als Zeichen, dass sie aufmerksam waren. Seit 1509 oblag es ihnen, im Auftrag der Bergbehörde das Bergglöckchen (Häuerglöckchen) für die Ein- und Ausfahrt der Bergmänner zu läuten Und das jeweils sechs Mal am Tage.“
Beobachtete er Feuer, war die Sturmglocke zu läuten und am Tage die rote Fahne bzw. in der Nacht die Laterne gegen die Richtung des Feuers aufzuhängen, damit die Bürgerschaft wusste, in welche Richtung sie flüchten soll. Bei mehr als sechs Reitern am Horizont galt es, vorsichtshalber Signal zu geben, um gegebenenfalls gegen Unheil gewappnet zu sein. Zudem verdingten sich die Türmer oft als Stadtpfeifer, wodurch der Beruf in Freiberg zu den am besten bezahlten gehörte. Weiterhin lebten auf dem Turm noch die Scharwächter, zwei nebenberuflich Tätige, die sich regelmäßig abwechselten und ebenso immer auf ein Jahr vom Stadtrat angestellt wurden.

Die Dokumente zeigen, dass die Dienstwohnung im Turm mietfrei war, er 18 Groschen Wochenlohn erhielt. Zudem standen ihm Oster-, Pfingst-, Weihnachts- und Kleidergeld zu. Schmunzelnd verweist Nepp auf ein Gesuch, in dem Carl August Nepp den Stadtrat um Feuerholz ersucht. „Ein harter Winter in luftiger Höhe fordert seinen Tribut. Erstaunlich, dass die Stadtväter selbst darüber befanden.“
Mit Erfindung der Feuermelder und dem Einzug des elektrischen Läutwerkes näherte sich das Ende der Türmertätigkeit. Auch den verheerenden Brand der Kreuzkirche in Dresden 1897 vor Augen, der zeigte, wie wichtig ein zweiter Fluchtweg ist, veranlasste die Stadträte, die Zeit der Türmer zu beenden. „Aktuell richtet ich mein Augenmerk noch auf die Spurensuche nach Utensilien des Carl August Nepp. In städtischen Unterlagen ist vermerkt, dass dessen Handwerkszeug seinerzeit in das Altertumsmuseum gewandert sei, genauso wie vier von ihm gefertigte Aquarelle und ein naturgetreues Rundgemälde aus der Sicht seiner hohen Warte“, so Gerald Nepp. (hy)






