StartGeschichtenLeute95 + 50 = Schnitzer feiern zwei Jubiläen
Montag, 24. Juni 2024

die heimat sehen

11.7 C
Altenberg
11.7 C
Marienberg
13.3 C
Flöha
13.5 C
Komotau
11 C
Eibenstock

Für die Weihnachtspyramide von Krumhermersdorf hat es sich mit Lichtmessfinale 2023 nicht ausgedreht: Zum Frühjahrsstart wird das Traditionsbauwerk eine zweiwöchige Zusatzschicht einlegen und aus erfreulichem Grund rotieren: das 50-jährige Baujubiläum wird gefeiert.

Krumhermersdorf. „Wir feiern in diesem Jahr den 50. Geburtstag unserer Ortspyramide. Sie ist zugleich als markanter Blickfang das größte Exponat der am 18. März beginnenden Schnitzausstellung, zu der wir unsere Jubilarin besonders in den Blickpunkt stellen wollen“, erklärt der stellvertretende Vereinsvorsitzende Horst Uhlmann. „Mit unserer 14-tägigen Leistungsschau im Vereinshaus am alten Sportplatz wollen wir zudem einen weiteren beachtenswerten Termin würdigen: das 95-jährige Bestehen unserer Schnitzergilde“, so der 62-jährige.  

Seit 52 Jahren für die Schnitzleidenschaft brennend, gilt der Pyramide das besondere Augenmerk des tatkräftigen Krumhermersdorfers und der 21, darunter fünf Frauen, derzeit im Verein engagierten Akteure an Schnitzmessern und Eisen.
„Sie ist im Erzgebirge eine Besonderheit: Das vieretagige Drehteil erhebt sich nicht mit einem aus Holz oder anderem Material bestehenden Grundgerüst in die Höhe, vielmehr geben Bergleute, sich emporstrebend gegenseitig tragend, der Konstruktion den Halt“, kennt Johannes Uhlmann ungezählte Episoden über deren Bau und die spätere Werterhaltung.

„1973 wurde das Teil zur damaligen Schnitzausstellung das erste Mal im Gasthof Erbgericht aufgebaut. Seinerzeit stand Johannes Glück dem Verein vor. Seitdem hat sie an verschiedenen Standorten die Betrachter erfreut, sich vorm Schnitzerheim, auf dem Fischerplatz und vor der Sparkasse gedreht. Jetzt hat sie ihren Platz vor dem Vereinshaus gefunden.“

Die Schnitzer von Krumhermersdorf bereiten die Schnitzausstellung vor, dabei gehört die Ortspyramide zu den Ausstellungsstücken, die 2023 ihr 50-jähriges Jubiläum feiert. Foto: Horst Uhlmann

Im urigen Schnitzerheim sind die Vorbereitungen für diese renommierte Leistungsschau längst angelaufen. So werden zu den angestammten Treffs an Dienstagabenden die Exponate ausgewählt, Leistungsverzeichnisse angefertigt, Zeitdokumente und Fotos gesichtet sowie die Chronik aktualisiert.

„Kenner der Szenerie wissen, dass unsere Interessengemeinschaft am 26. Dezember 1926 als Weihnachtsbauverein gegründet worden war, das Jubiläum also 2021 zu feiern gewesen wäre. Indes durchkreuzte die Corona-Pandemie unsere Planungen. Also holen wir das Ereignis jetzt nach“, erzählt Vereinschefin Claudia Richter. Seit 2014 im Ehrenamt, hat die Optikerin die Statistik auf Vordermann gebracht: „Zum 17. Mal zeigen wir unsere Werkstücke der Öffentlichkeit. 1936 war die erste große Ausstellung im Gasthof Erbgericht über die Bühne gegangen. Erst nach dem 2. Weltkrieg folgten dann regelmäßig aller 5 Jahre die Jubiläumsschauen.“

Im Schnitzerheim Krumhermersdorf treffen sich derzeit 21 Männer und Frauen, um ihrem Hobby zu frönen. Vorsitzende ist Claudia Richter, links vorn. Foto: Christof Heyden

Insgesamt über 300 Exponate von fingernagelklein bis Einfamilienhaus groß werden die Besucher bis 2. April 2023 bestaunen können. „Dazu zählen Bergmänner, die seit Beginn an ein gern gestaltetes Motiv sind und unterschiedlichste Handschriften erkennen lassen“, gibt Claudia Richter eine Vorschau.

„Dabei sind Engel und andere Traditionsfiguren, aber auch Holzkunstwerke wie große Familienschwibbögen und Gebrauchsgegenstände, wie Schalen. Traditionell stellen wir zudem Waldmotive aus, ein Krumhermersdorfer Schnitzer-Fichten-Wald gehört dazu. Die kommende Ausstellung bietet erneut die Gelegenheit, Werkstücke frühere Mitglieder kennen zulernen. So halten wir die Erinnerung an unsere Vorfahren wach und würdigen deren Tätigkeit für unsere Heimatgemeinde“, sagt die seit zehn Jahren in der Truppe engagierte Schnitzerin.

Zu den Exponaten wird ebenso das Modell des früheren Bornwalddorfes gehören, welches nur zu derart Veranstaltungen aufgebaut wird. Es erinnert an jenen Flecken Erde, der durch den Talsperrenbau und die Errichtung des Trinkwassereinzug-Gebietes weichen musste. Ins Scheinwerferlicht des Vereinshauses wird ebenso das maßstabsgetreue Modell des Domizils der Schnitzer gerückt. „Das Original haben wir von 1962 bis 1965 im Rahmen der damaligen NAW-Einsätze in 4.990 Stunden errichtet“, kennt Martin Konrad dessen Werdegang.

Im Schnitzerheim Krumhermersdorf berät Nicole Musch mit Hans-Jörg Bruder über die Gestaltung eines Schnitzmotivs, wo werden die Nadelbäume angeordnet? Foto: Christof Heyden

Mit 84 Jahren derzeit ältestes Mitglied, erzählt er schmunzelnd, wie seinerzeit an einem Sonnabend kurzentschlossen das Material einer Bauarbeiterbaracke in Flöha abgerissen, nach Krumhermersdorf gebracht und nach und nach zu einem Schmuckkästchen ausgebaut worden ist.
Der Senior verweist auch auf ein Renommée förderndes Exponat, dessen Schicksal indes bis heute ungelöst bleibt. „Mit einer Gemeinschaftsarbeit zum Thema Holzrückearbeiten im Wald haben wir in den 1970er Jahren mächtig Aufmerksamkeit erlangt. Unsere preisdekorierte Arbeit wurde sogar zu Ausstellungen wie der renommierten AGRA in Markleeberg ausgestellt. Ein nächster Schauort war im fernen Osten die Hauptstadt Ulan-Bator. Indes, in der mongolischen Weite ist unser Preisträgerbeitrag verschollen, Nachforschungen haben nichts erbracht“, sagt er schmunzelnd.

Im Schnitzerheim Krumhermersdorf arbeitet mit Jakob Hunger das jüngste Mitglied der Erwachsenengruppe an einem Nadelbaum-Modell. Bereits sein Uropa, Heinz Froß, gehörte einst der Gemeinschaft an. Foto: Christof Heyden

Stolz ist die gestandene Gilde auf ihre Nachwuchsschnitzer. Derzeit erlernen zehn Mädchen und Jungen, darunter drei Chemnitzer Schüler, das Einmaleins dieser Holzgestaltungskunst. Auch diese Gruppe wird mit einigen Arbeitsproben vertreten sein.

WEITERE BEITRÄGE AUS DIESER KATEGORIE

Autor

Christof Heyden
Christof Heydenhttps://www.erzgebirge.tv
in Chemnitz lebend, geb. 1961 in Pirna, Diplom-Kulturwissenschaftler Humboldt-Uni Berlin, seit 1993 Freier Journalist und Pressefotograf. Mailadresse: christof.heyden(at)erzgebirge.tv

Beiträge mit ähnlichen Schlagwörtern