Grubenbesitzer Pflock und die Bauhaus-Idee

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Die Gilde der Stadtführer in Annaberg versteht regelmäßig mit speziellen Sonderführungen Einheimische und Touristen zu unterhalten. In der St. Annen Kirche endet der Rundgang zum diesjährigen Weltgästeführertag. Foto: Christof Heyden

Das Bauhausprojekt mobilisiert auch die Erzgebirger. Knapp 90 Unternehmungslustige folgten am Sonnabend der Einladung zu einer nichtalltäglichen Stadtführung durch Annaberg.

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Annaberg-Buchholz. Die heimischen Gästeführer hatten zu einem zweistündigen Rundgang durch ihre Heimatstadt eingeladen, der vom in diesem Jahr gefeierten 100-jährigen Bauhausjubiläum bestimmt war. Dabei terminierten die Gastgeber diese Premierenveranstaltung am vielerorts begangenen Weltgästeführertag 2019. Deutschlandweit stand diese Tourismusinitiative unter dem Motto „BAUeinHAUS“.
„Auch wir nutzen das Ereignis als thematischen Impuls, spannende Geschichten unter neuen Perspektiven zu erzählen und die Tour vielleicht als weitere Themenführung zu etablieren“, erklärte Anett Preißler zum Auftakt.

Die schlüpfte diesmal nicht in ihr angestammtes Kostüm der legendären Barbara Uthmann, sondern versah mit Bauarbeiterhelm und Wasserwage ausgerüstet, den Job einer Baumeisterin. Gemeinsam mit dem als Architekt agierenden Ralf Siegert hatten sich die Fremdenverkehrsfachleute zusammen mit weiteren vier zertifizierten Gästeführern mit der hiesigen Baugeschichte bekannt gemacht. „Vom Bauhaus-Stil geprägte Objekte gibt es zwei in der Bergstadt“, wusste Siegert zu erzählen, und dass diese nicht für die Öffentlichkeit zugängig seien. „Wir laden ein, einige Schmuckstücke in unserer Stadt zu besuchen, die insgesamt beispielgebend für die Epochen übergreifenden Baugeschichten stehen.“

Rundgang zum Weltgästeführertag. Baumeister Dieter Frank empfängt im einstigen Kloster. Foto: Christof Heyden


Und so wurde der launige Fußmarsch von der Technologie eines Gebäudebaus bestimmt: Vom Keller über Flur und Wohnetagen hinauf zum Dachstuhl. Für jeden Abschnitt hatten die Gästeführer ein exemplarisches Vorbild gefunden. „Begründet wird ein solider Bau von einem Keller“, hieß der Ordensmann und spätere Reformator Friedrich Myconius, alias Rainer Eckel, die Schaulustigen in den Mauerwerkresten des einstigen Franziskanerkloster willkommen. Der wusste vom schicksalsreichen Standort zu berichten.


Mürrischer Unmut flog der aufgeweckten Besucherschar vor dem imposanten Wohnsitz von Lorenz Pflock entgegen. Der Besitzer von Silberbergwerken in der Region und Ratsherr zu Annaberg fühlte sich in seiner Mittagsruhe gestört. Doch die Gelegenheit nutzend, sein imposantes Wohngebäude dem Volk zu zeigen, öffnete der Millionär des 16. Jahrhunderts die Tore zum heute als Stadtbibliothek genutzten Schmuckkästchen. Der Hausherr, in dessen Rolle Matthias Enderlein schlüpfte, berichtete im alle Gäste aufnehmenden Flur vom Hausleben, der wechselvollen Geschichte.

Die reizvolle Treppenkonstruktion in der Manufaktur der Träume. Foto: Christof Heyden


Stehen in der Manufaktur der Träume Kostbarkeiten erzgebirgischer Handwerkskunst im Blickpunkt, richteten sich diesmal die Augen auf das sehenswerte Treppenhaus. Wohl die wenigsten Besucher dürften diese architektonisch reizvolle Lösung bislang aus der Sichtachse Richtung Himmel aus Erdgeschoss-Standort wahrgenommen haben. „An eine aufgeblasene sich kringelnde Luftschlange erinnernd, wurde diese sachlich-funktionale und helle Treppenkonstruktion an das Ausstellungsgebäude angesetzt. Der Bauhausgedanke kommt auf“, so Anett Preißler.


Nicht nur Kennern der Ortsgeschichte ist klar, dass dem standportprägenden Kirchenbau St. Annen auch hinsichtlich der Dachkonstruktion die Krone gehört. Marit Melzer, gästeführende Türmerin, nahm die generationenübergreifende treppensteigende Truppe mit hinauf in das 78 Meter hohe Wahrzeichen. Auf Ebene des 32 Meter droben gelegenen Rundganges wurde dem in der Spätgotik begründeten Bauwerk unter die Dachhaut geschaut.
Die Annaberger Interessengemeinschaft, der derzeit 17 Gästeführer angeschlossen sind und von denen 15 zertifiziert sind, hat 2019, neben Chemnitz, zum dritten Mal am Projekt Weltgästeführertag teilgenommen. „Es ist unsere Referenz an diese Vereinigung, die sich um die Tourismusförderung verdient macht“, erklärt Matthias Enderlein. Die fundierten Angebote würden sich einer großen Nachfrage erfreuen.

Stichwort

Am bundesweiten Programm für den Weltgästeführertag 2019 beteiligen sich nach Anmeldeschluss 77 Mitgliedsvereine des Bundesverbandes der Gästeführer in Deutschland (BVGD). Der hatte 2018 in Potsdam das gemeinsame Motto „BAUeinHAUS“ für den Aktionstag 2019 ausgewählt. Die Veranstaltungen der BVGD-Gästeführer an fast 100 verschiedenen Orten finden in zeitlicher Nähe zum Gründungsdatum des Weltverbandes der Gästeführer (WFTGA) um den 21. Februar statt. Die Führungen finden ohne Eintritt oder Kosten für die Gäste statt. Der Berufsverband wurde 1994 gegründet und vertritt mehr als 230 Städte und Regionen – somit die Interessen von ca. 7.000 Gästeführern.