In der Kerzenwelt erlöschen die Lichter

Die Tage sind gezählt, an denen die Erzgebirgische Zierkerzenmanufaktur Bärenstein in Kühberg noch ihre Tore geöffnet hat. Kunden können noch bis Monatsende in eine reizvolle Erlebniswelt eintauchen.

Kühberg. Zum 31. August endet die Ära der Kunsthandwerksmanufaktur im Erzgebirge. „Meine berufliche Laufbahn ist auf der Zielgeraden, den kommenden familienbestimmten Lebensabschnitt verlege ich anderenorts“, berichtet Firmeninhaberin Karin Gerz. Die gebürtige Olbernhauerin etablierte den Standort ihres Kunsthandwerksbetriebes 2003 als berufliches Geschäftsfeld. „Neben dem 1999 gegründeten Hauptsitz in Olbernhau eröffnete ich damals neben Grillenburg und Freiberg das hiesige Geschäft, welches später mein Hauptsitz wurde“, so die gelernte Gebrauchswerberin.

Per Airbrush wird Farbe auf die Hirsch-Kerze aufgebracht. Foto: Christof Heyden

Die hatte seinerzeit in der Herstellung eigener Kerzenkreationen nach wendebedingter Neuorientierung eine reizvolle berufliche Herausforderung gefunden. „Gerade im Erzgebirge sah ich Potenzial für ein derart Angebot. Den Impuls erhielt ich durch Besuche in Österreich, wo ich auf derart Handwerk stieß“, so Karin Gerz. „Früher wurde in Olbernhau nicht nur geschnitzt, gedrechselt und geklöppelt, sondern auch Wachs verarbeitet. Dieser Fakt ermutigte mich. Anknüpfend an diese Tradition wollte ich Kerzenschein in dekorative Form bringen.“

Es reifte ihr Entschluss, eine eigene Handschrift zu entwickeln und Kerzen selbst zu gießen. Im Laufe des Betriebslebens kreierte die Erzgebirgerin über 1.000 Kerzenvariationen. „Die zeichnen sich durch die verwendeten Materialien, Farben, Größen und Themenmotive aus. Bis heute gehört mit einer in Tränenform gestalteten Kerze jenes Motiv zum Sortiment, mit dem alles begann. Unter dem Markenzeichen der Olbernhauer Wachsblume gingen Erzeugnisse dieses Stück Handwerkskunst unterdessen als Erzgebirgstropfen bezeichnet in die ganze Welt.“

Für Kerzen begeistern sich alle Generationen und Berufsgruppen. „Die Lichter sind ganzjährig gefragt, Ostern und Weihnachten stellen die Hochzeiten dar“, so die Herstellerin. „Das thematische Angebot reicht von Geburt über Taufe hin zur Jugendweihe und Kommunion, auch jedwede Hochzeit, gebauso Trauer und Abschied werden von Kerzen begleitet. Zudem stellten wir auf Kundenwunsch Motive her, die das Hobby abbilden.“ Als kleinstes Exemplar gilt ein Fliegenpilz mit fünf Zentimetern Höhe, mächtig dagegen die ein Geweih tragende Hirschkerze mit 55 Zentimetern Größe. Zu den beliebten Stücken zählte ein von Kunden gewünschtes Motiv namens Hände, die das Licht halten.

Karin Gerz designt selbst, erster Schritt sind Silikonformen für die Parafin-Gussmasse. Foto: Christof Heyden

„Sowohl im modernen, anspruchsvollen Design, als auch in frechen Figuren wie auch im klassisch traditionellen Stil- das zeichnete unsere Produkte aus.“ Karin Gerz verweist dabei auf ihr leistungsstarkes und kreatives Team. „Die pfiffigen Gestaltungsideen und die Breite des Angebots wurden nur durch diese begeisterungsfähigen Mitarbeiter möglich. Die acht Mitarbeiter fühlten sich in diesem Handwerk zuhause.“

Neben regionaler Stammkundschaft begrüßte Karin Gerz mit ihrem Team ungezählte Touristen aus vielen Ländern. Ganze Busladungen machten auf Reisen durchs Erzgebirge Halt an der Bundesstraße in Kühberg. So mancher versuchte sich in der angeschlossenen Schauwerkstadt, selbst einmal eine Kerze zu ziehen. „Gerade den Kontakt mit den Kunden werde ich vermissen, man gewann ein bisschen familiären Anschluss, am Anfang mit einer Kerze zur Geburt, später zur Hochzeit.“

Mitarbeiterin Heike Siebrandt berät Larrissa, links und Johanne, Ferienkinder, die sich im Kerzenziehen versuchen. Foto: Christof Heyden

Schmunzelnd berichtet Karin Gerz, dass Kunden bekunden, dass die von ihnen erworbene Kerze viel zu schade zum Verbrennen sei. „Im Gegenteil, ich habe sie ermutigt, bildete dies doch meine Lebensgrundlage. Ein Gärtner rät auch nicht ab, Blumen nicht abzuschneiden.“

Die Betriebsinhaberin berichtet, dass ihre Bemühungen, einen neuen Inhaber für die Manufaktur zu finden, nicht gefruchtet haben. „Aber der Standort der früher auch als Pension und Buchverlag genutzten Immobilie wird durch einen Gewerbetreibenden erhalten bleiben.“ (hy)

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Autor

Christof Heyden
Christof Heydenhttps://www.erzgebirge.tv
in Chemnitz lebend, geb. 1961 in Pirna, Diplom-Kulturwissenschaftler Humboldt-Uni Berlin, seit 1993 Freier Journalist und Pressefotograf. Mailadresse: christof.heyden(at)erzgebirge.tv

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