Grammatik is e Ding for sich!

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Erzgebirger, bekennt Euch zur heimischen Mundart- der Erzgebirgsverein will dies fördern. Foto: Christof Heyden

Monika Tietze ist Mundartautorin. Im Rahmen der 12. Mundarttage vermittelte die Crottendorferin manchen Tipp. Christof Heyden hat mit der sprachkundigen Schneidermeisterin gesprochen.

Erzgebirge.tv: Mundart wird von Ort zu Ort unterschiedlich gesprochen, bestehen eigentlich einheitliche Regeln?
Monika Tietze: Natürlich gelten die Regeln des Dudens, gerade auch für Mundartautoren. Auch unsere heimatliche Sprech- und Schreibweise wird von der hochdeutschen Sprache bestimmt. Die Zeichensetzung, sprich Komma, Semikolon und Interpunktion baut darauf auf und kann nicht nach persönlichen Befindlichkeiten gewählt werden. Die Groß und Kleinschreibung richtet sich ebenfalls nach den Angaben des Dudens, wie die Getrennt- und Zusammenschreibung.

Erzgebirge.tv: … und da wäre noch die Grammatik?
Monika Tietze: Dos is e Ding for sich! Eigentlich gibt es ja beispielsweise bei uns keinen dritten Fall, also statt „im Arzgebirg“ sagen wir „bei uns in Arzgebirg“. Statt „dich“ sagen wir oft „dir“ (dos is wos for dir) oder statt „in de Schul“ heißt es „in dor Schul“. Dies muss jeder selbst entscheiden, ob er genauso schreibt, wie wir reden oder ob er sich der gängigen Grammatik „annähert“. Sprache bedarf des Gefühles und muss auch dem Auge gefallen. Das gilt besonders für die Reimform.

Monika Tietze aus Crottendorf ist Mundartautorin und gibt Schreibtipps in Erzgebirgisch. Foto: Christof Heyden

Erzgebirge.tv: Auch Vorsilben wollen beherrscht sein?
Monika Tietze: Zum Beispiel die Vorsilbe „an“, wie anfangen, angeben, anstreichen usw. die wird als einfaches „a“ geschrieben, also afange, agabn, astreichn. Und nicht aafange oder ahfange. Auffällt, dass das kleine „h“ viel zu oft verwendet wird. Grundregel ist hier: Wenn das hochdeutsche Wort ein „h“ hat, bekommt auch das erzgebirgische Wort keines. Beispiel: Ma (Mann) und nicht Mah, oder ich ka (kann) und nicht kah. Oder ich fang a und nicht ah.

Erzgebirge.tv: Der A-Laut gilt als einer der bevorzugten?
Monika Tietze: Unser schöner aa-Laut lässt sich schwer in Schriftzeichen umsetzen, genauso genommen gar nicht. Es gab Versuche mit einem Ringel darüber, dies hat sich nicht durchgesetzt. Man könnte immer ein Doppel-a schreiben, aber bei kurz gesprochenen Wörtern, wie zum Beispiel raacht un schlaacht (recht und schlecht) geht das schon nicht, weil dann aaner „raacht“ (raucht). Also hat man sich auf eine einfache Grundregel geeinigt: Aus Selbstlauten wird ein einfaches a, wie Leben – Labn. Aus Umlauten wird ein Doppel-a, wie Baum – Baam. Sicher, es liegt uns kein allgemeingültiges Mundart-Nachschlagewerk vor. Man sollte versuchen, Wörter aus ihrer Bedeutung heraus zu erschließen. Als Beispiel nenne ich „vür“ oder „für“? Wenn ich etwas für dich kaufe, dann kaaf iech wos for die (oder diech). Wenn mein Fahrrad vor der Tür steht, dann stieht mei Fahrrod vür dor Tür.

Erzgebrige.tv: Wie lautet das Resümee der Schreibwerkstatt?
Monika Tietze: Mundart ist eine fließende Angelegenheit, doch auch wenn wir sprechen wie uns der Schnabel gewachsen ist, gilt es für Autoren Grundregeln zu beachten. Und: Computer können kein Erzgebirgisch. Die Autokorrektur sollte man an seinem Gerät ausschalten, die Vorschläge des Rechners haben mit Mundart nichts mehr gemein, er verbessert jeden aufgeschriebenen Gedanken.