Der Schneeberger ist Erzgebirger mit Leib und Seele: Lothar Wetzel. Von Kindesbeinen an, schlägt sein Herz für die Bergbauregion, pflegt er den Zungenschlag der Einheimischen.

Schneeberg. Der 91-Jährige zählt seit Jahrzehnten zu den prägenden Gestaltern erzgebirgischen Brauchtums. Und ist eigentlich geburtstechnisch gesehen ein Unhiesiger: „Ich bin in Leipzig geboren", sagt der agile Senior lachend und verweist darauf, dass familiäre Wurzeln aber in Oberschlema begründet liegen. „Als Baby bin ich seinerzeit nach Schneeberg gekommen", erzählt der Vorsitzende des Erzgebirgszweigvereins Schneeberg/Neustädtel. Und den kennen Heimatfreunde über Erzgebirgsgrenzen weit hinaus.
Rentner haben niemals Zeit: Lothar Wetzel ist exemplarisches Beispiel für dieses Engagement. Nahezu jeden Tag ist er unterwegs: Galt es jüngst das legendäre, von ihm wieder mitbegründete Anton-Günther-Liedersingen vorzubereiten, ist er tags darauf schon wieder in den Vereinsräumen anzutreffen, wo er die Korrespondenz mit Vereinsfreunden, Behörden und Organisationen pflegt. Damit längst nicht genug: Einen Großteil seiner Tätigkeit für den Erzgebirgsverein verbringt er im Archiv der Interessengemeinschaft.

Einheimische kennen Lothar Wetzel als einen der Begründer der berühmten Bergaufzüge. „Etwa ab 1953 verfolgten wir die Idee, diese Tradition aufleben zu lassen, seinerzeit argwöhnisch von den Behörden beobachtet. Die sagten: das mit den Uniformen ist doch ein alter Zopf." Doch der gelernte technische Zeichner, der später nach Kriegsdienst und Gefangenschaft, mit einer Zwischenstation als Schnitzer, seit 1949 bis 1990 im Bergbau tätig war, ließ sich nicht beirren.
Zunächst als Vermesser in den Wismut-Schächten tätig, anschließend als Fachmann für Bewetterung und später im Bereicht der Sicherheit gefragt, verhalf der damaligen Kommission zur Vorbereitung des Bergaufzuges zum Erfolg. „Man erkannte, dass dies doch ein wichtiges Stück Erbepflege war, bald wurde dieses Element des Brauchtums zum Aushängeschild."

Lothar Wetzel wurde Multifunktionär und hat nachgerechnet: 19 ehrenamtliche Aufgaben und Ämter hatte er in seiner Laufbahn übernommen. „Und die 20. Aufgabe wartete mit der Wende: die Wiederbegründung des Erzgebirgsvereins." Der vierfache Familienvati, heute zwölf Enkel und 20 Urenkel zählend, gehört zu den verdienten Mitstreitern der Interessengemeinschaft. Dabei weiß er seine Familie an der Seite: „Dank der Enkel besitze ich Computer, habe mich als Rentner eingefuchst."
Sein Tenor: Erzgebirger sind weltoffen, manchmal wünschte er sich aber mehr Traditionsbewusstsein, gerade im Hinblick auf die Sprache. „Da sind uns die Bayern noch voraus."