Zum Stadtjubiläum Geyer werden die Stadt und ihre Einwohner jetzt im Blickpunkt stehen. Höchste Zeit, sich auch der Spitznamen zu erinnern.

Geyer. „Die Stadt der Bing is bekannt wag´n ihr´n gefrogt´n Scheiersand", heißt es in einem der Stadtlieder von Geyer. Der vom heimischen Autoren und Musiker Sandlob weit vor der Wende geschriebene Marsch rückt zugleich eine besondere Spezies in den Blickpunkt: die Originale der Bergstadt. Nahezu 50 Typen wie „dr Knullebuff, dr Putschemuh, de Fortmannschack und auch der Lutze Bauf" werden besungen und charakterisiert.
„So manchen der Frauen und Männer und die Bedeutung ihrer Spitznamen kenne ich noch", sagt Anita Kempt, nicht nur aus unterdessen weit zurückliegenden Alltagsbegegnungen.

„Meine Mutter hat mir vor geraumer Zeit Aufzeichnungen übergeben, in denen sie über Jahre diese Spitznamen gesammelt hat", sagt die Erzgebirgerin, deren Vati Paul Aurich einst der Stadtkapellmeister war und selbst die Lieder gespielt hat.
Und diese Liste ist lang. „Früher waren Kosenamen oder Beschreibungen der Eigenheiten des Einwohners üblich", sagt das Vorstandsmitglied im Erzgebirgszweigverein der Kommune. Oft sei dieser Ruf bekannter, als der eigentliche Name gewesen. Akribisch hat sie die Einwohner und auch deren Rufform aufgeführt. Von A, wie Affel und Äppeltreu, über Bomber, Fetzel, Lämpel, Rundschkuddel und Tanngelnodelförschter bis hin zum Wechseljacket und Zuckerguschl reichen die Bezeichnungen. „Derzeit umfasst meine Übersicht mehr als 170 Personen."

Verblichenes Manuskript aus vorangegangenen Tagen.

Verblichenes Manuskript aus vorangegangenen Tagen.



„Der Volksmund half sich, die Leute zu beschreiben und zugleich zu unterscheiden", fügt Heinz Wöllner, langjähriger Vorsitzender der Erzgebirgszweigvereins hinzu, der im Vorfeld des Stadtfestes mit Anita Kempt die Liste aktualisiert hat. „Allein der Name Graupner existierte neun Mal." Auch die Reuthers seien stark vertreten gewesen. „Und so nannten sie die Leute Tratsch, Kat, Steigerle, Spaabrett, Kaiti und Schimmel." Auch er erinnere sich noch an Hermann Sehm, der Fischel gerufen wurde, weil er selbst Fische fing, räucherte und dann verkaufte. Oder der Helbig, Fritz. Der war Kaninchenzüchter und wurde nur „Hos" gerufen.
Den Seidel, Fritz nannte man Papst, der hatte ein feines Cafe, mit Nischen und Separé. War vom Baron die rede, war Richard Lippmann gemeint. Der Sargausstatter hat Schmuck und Goldringe getragen."
Der Name Steckzwiebel sei seinerzeit von Wismut-Kumpeln an einen Mitbürger vergeben worden, der hin und wieder lange Finger gemacht habe.

Ausriss vom  Lied der Geyrschen Spitznamen.

Ausriss vom Lied der Geyrschen Spitznamen.



Lachend erinnert Wöllner an Richard Paul, der Tango gerufen wurde. „Wenn was los war und Stimmung aufkam, rief der nämlich immer: spielt mal einen Tango." Der Name Schnauzer lasse erahnen, was Walther Weigel zierte: ein Schnauzbart. Demgegenüber brachte Walther Haase sein kleines Bäuchlein den Titel ein: s´Wampel. „Der war Fussballer, und da hatte mancher eine Bezeichung. Wie Fritz Lutze, der Bauf."
Auch Frauen hatten ihren Namen weg: „Liesbeth Lang, die Besitzerin einer Gaststätte in Obergeyer war unter Scheimer bekannt", sagt Anita Kempt. „Klara Frenzel vom Kolonialwarenladen, rief man Stemple, und da daneben noch ein kleiner Raum war, in dem sich die Leute amüsierten, bekam der die Bezeichnung Bohrnüss-Diele. Von den Erdnüssen, die die Leute knackten, die Schalen lies man fallen."

Unvergessen bliebe der „Gerber": So wurde Alfred Uhlig gerufen, der, von Beruf Gerbermeister, zu den ersten Einheimischen zählte, der Gegenstände sammelte, die den Grundstock für das Heimatmuseum bildeten. Und auch der letzte seiner Zunft, der Türmer, alias Albin Major, wurde mit seiner Berufsbezeichnung gerufen.
„Die Namen waren einst in der Alltagssprache fest integriert, die Leute kannten einander, ihre Stärken und ihr Schwächen. Dies ist schon längst nicht mehr so ausgeprägt, solche Originale samt deren Eigenheiten verschwinden. Schade", so die beiden Hobbychronisten.