Zum 15. Mal suchten die Erzgebirger die schönste Ziege. Der von den Steinbacher Ziegenhirten organisierte Gaudi-Treff sieht 2017 einen Ziegenbock auf dem Thron

Steinbach. Wie unkompliziert sind Meckerziegen: Von den Regentropfen zeigten sich die charaktervollen gestylten Fellträger ebenso wenig irritiert, wie sie die aus dem Schornstein stiebenden Russpartikel der schnaufenden Schmalspurdampflok cool ignorierten. Dabei galt es doch zum Schönheitswettbewerb beste Figur zu machen, waren alle Teilnehmer von den Besitzern in Fleißarbeit aufgehübscht worden. Denn zum 15. Mal wurde die schönste Ziege des Erzgebirges gesucht. Allenfalls bekam eine Mitbewerberin einmal die Hörner gezeigt, wenn sie im offenen Güterwagen stehend der Konkurrentin etwas zu nahe kam.

Der spätere Sieger Moritz mit Jonas steigt ein.

Der spätere Sieger Moritz mit Jonas steigt ein.



Der Vergleich startete erneut für die Kandidaten samt ihren Hirten mit der obligatorischen 13-Uhr-Zugfahrt. Der erste Wettbewerbspunkt des originellen Vergleichs hatte durchaus Dramatik. Denn mit Abfahrtspfiff setzte Luisa zum Sprung an: Schwupp stand sie mit einem gekonnten Satz über die Bordwand auf dem Schotter. Ziegenhirte Arndt Kleditzsch zauderte keine Sekunde und schwang sich hinterdrein, das Bähnle schnaufte indes los. Die beiden Steinbacher marschierten zu Fuß zum Festgelände am Wildbach, während die Mitbewerber stillvoll heranschnauften.
Das Verladen war durchaus eine Geduldsprobe: Wer von den Ziegen kennt schon mehr als den heimischen Stall und die Wiese davor. Jetzt plötzlich im Blitzlichtgewitter vor ungezählten Zweibeinern eine Rampe erklimmen und aufgeschlossene Mine vor vier Kamerateams von TV-Sendern, dazu Zeitungs- und Radioleuten machen. Jenny Manneck von den gastgebenden Ziegenhirten aus Steinbach führte Margit und Sonja als eine der ersten zum Waggon heran. Doch kaum weggeschaut, knusperten die zwei Damen ohne Reue den grünen dekorativen Baumschmuck von Eisenbahnwagen ab.

Bockig stellte sich auch Moritz an. So groß, so stolz, dem imposanten weißen Ziegenbock war das Laufbrett wenig geheuer. Mit gutem Zureden wusste der Ansprunger Jonas Gruchow seinen Schützling mit Nummer acht zu motivieren. Unbeeindruckt zeigten sich Marcel Kittlaß und Bock Erich. Aus Rechenberg-Bienenmühle angereist, hatten sie die weiteste Anreise. „Eine prima Idee, wo gibt es dass noch. Schön, das sich die Hirten treffen und fachsimpeln." Trotz ruckeln und schnaufen der Press wusste der Hirte as Interview vor dem MDR-Mikrofon zu meistern.



Kaum die dreiminütige Bahnfahrt zum Festgelände absolviert, zeigten sich die Meckerliesen weiter von ihrer besten Seite: Besonders die Heidelbeersträucher am Haltepunkt Wildbach erwiesen sich als Delikatesse, statt Sekt wie bei Misswahlen stärkten sich die Vierbeiner heuer für den modischen Auflauf mit Vitaminen. Mit Überschreiten der Bahngleise wurde Runde zwei des Vergleichs eingeleitet. Jetzt richteten sich Hunderte Augenpaare auf die Akteure.

Uwe Türke mit Rumpel.

Uwe Türke mit Rumpel.



Jeder der Anwesenden Zweibeiner aus vielen Regionen des Erzgebirges, aber auch aus Augustusburg, Freiberg und Chemnitz, war aufgefordert, per Stimmzettel seine Favoritin auszuwählen. Den Blicken und vielen Fragen hielt mit Routine Uwe Türke stand. „Ich habe bislang an allen Treffen teilgenommen, mit meinem Ziegenbock Rumpel allein acht Mal hintereinander", sagte der Großrückerswalder. Der arbeitet als Landwirt im Alltag in einem Schafstall. „Die Ziegen sind mir aber viel lieber, die sind treu, die kennen mich. Darum habe ich auch 50 von ihnen." Zwei Mal sicherte sich der Erzgebirger in den Vorjahren mit seinem Vierbeiner den Titel des Teilwettbewerbs „Schnellste Ziege" gesucht.


Heuer indes hatte die Ziegendame Resi die Nase vorn. Die dürfte den Heimvorteil und die Streckenkenntnis genutzt haben: Sie ist eine Fellträgerin aus dem Team des Erzgebirgsvereins Steinbach.
Als schönste Ziege des Jahrgangs dampfte Moritz mit Jonas Grucho zurück nach Ansprung. Klar, dass seine Familie mit Schwester Maria für das Vieh des Bruders gestimmt hatte. Die Elfjährige wusste dessen Eigenheiten zu nennen: „Moritz ist groß und kräftig und der frisst erben einfach alles." Ja, Ziegen dürfen dass, da kommt es nicht aufs Gramm an.

Insgesamt 44 Ziegen unterschiedlicher Rassen wurden diesmal von ihren Hirten in die Teilnehmerliste eingeschrieben. Die reisten auch aus Mildenau, Schönfeld und Clausnitz an. „Etwas weniger als erwartet, aber eine gelungene Veranstaltung", zeigten sich die beiden Mitorganisatorinnen Sandra Uhlig und Doreen Manneck zu frieden. Besonders das liebevoll, mit Sinn für ungezählte Details, einstudierte 45-minütige Mundarttheaterstück namens „Heidi", wurde von der Gästeschar mit viel Sympathie aufgenommen.



Neben handelnden Akteuren und Ziegen hatten die Steinbacher tatsächlich die Einfahrt der Eisenbahn für ein erstmals vorgeführtes Schauspiel einstudiert. Indes: wie im richtigen Leben verspätete sich ausgerechnet zur Premiere das Bähnle. Aber kein Problem, der Evergreen von der alten Dampfeisenbahn, die es den Einheimischen angetan hat, wurde halt ein zweites Mal gesungen. Und prompt zischte der Kohlenfresser heran. Aufführung gelungen.