Spielerlaubnis vom Amt

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Akkordeon und Zither sind Markenzeichen, dazu viele sehr gut recherchierte Erlebnisse der früheren Musikanten aus Böhmen. Christa Schwenke und Grit Pevestorf in Aktion. Foto: Christof Heyden

Böhmische Musikantinnen sind auch 2018 wieder auf Tour. In Steinbach laden sie zur nächsten heiteren Plauderstunde ein.

Steinbach. Im Gepäck von Grit Peverstorf und Christa Schwenke sind die Konzertzither und das Akkordeon samt einem Koffer voller Anekdoten. „Ein Mundartprogramm, das die Zuhörer auf eine Zeitreise durch regionale Musikgeschichte mitnehmen will“, hat Christa Schwenke ungezählte Stunden in Bibliotheken und Archiven gestöbert, um das thematische Rüstzeug des reizvollen Kleinprogramms zu erarbeiten: Wie war das seinerzeit, als Frauen zum Broterwerb hinaus in die Welt zogen?

Im Blick haben die beiden Künstlerinnen jene Jahre weit vor Anton Günther, Hans Soph und anderen durch Liedpostkarte und Schellackaufnahme bekannten Volkssängern. „Unsere Zeitreise beginnt 1750, wir erzählen besonders Begebenheiten aus dem böhmischen Erzgebirge, wo die Not durch den Niedergang des Bergbaus ein solch großes Ausmaß erreicht hatte, dass die Einwohner neue Verdienstmöglichkeiten suchen mussten“, so Christa Schwenke. Wetterunbilden und Missernten, auch als kleine Eiszeit bezeichnet, trieben die Einheimischen zur Wanderschaft. „In der Region wuchsen ohnehin gute Musikanten heran, und so machten sich diese in Bergmannshabit bekleidet und mit Instrument auf dem Rücken auf den Weg in die Welt, um Geld zu verdienen“, so die Sehmaerin. Der Ruf der Schaller oder Goldländer (von der Gage der Goldmünzen her stammend) wurde begründet.

Sie hat nachgeforscht, dass ab 1800 auch Mädchen und Frauen hinaus zogen. „Die aus Böhmen kommenden Musikerinnen waren an ihren längs gestreiften Schürzen zu erkennen“, haben sich die beiden Akteure auch mit der Bekleidung und den Sitten auf Wanderschaft beschäftigt. „Zunächst hießen die Kurorte Karlsbad, Franzensbad und Marienbad das Ziel.“ Gefragt waren die Instrumente Gitarre, Flöte und Streicher sowie Ziehharmonika, die Leute sollten unterhalten, zum Tanz aufgespielt werden.

Christa Schwenke (l.) und Grit Pevestorf wissen unzählige Anekdoten aus dem Leben der wandernden Musikantinnen aus Böhmen zu erzählen. Foto: Christof Heyden

Aus Archivunterlagen weiß Christa Schwenke, dass die Frauen bis hinauf nach Skandinavien gezogen sind. „Wir haben Berichte von Aufenthalten in Griechenland und selbst aus Ägypten von 1859 gefunden. Damals startete der Bau des Suezkanals.“ Die Musikantinnen dürften für die internationale Bautruppe aufgespielt haben. Schon Elf- und zwölfjährige Mädchen zogen in Familienverbänden mit. „Vor allem die Gastwirte wollten immer frisches Blut“, wussten die beiden Musikantinnen schmunzelnd zu berichten. Mit 40 Jahren endete zumeist die Karriere der wandernden Frauen. „In jenen Jahren wird auch der Begriff der Bande bzw. der Banden geboren, jener Bezeichnung für zusammen in einem Verband musizierende Künstler. Es ist also keine Übernahme aus dem englischen Sprachraum“, erklärt Christa Schwenke.

Und die hat weitere verblüffende Informationen gesammelt: „Die Wanderschaft hat durchaus die Leute ernährt, oft konnten sich die Frauen zurückgekehrt, sogar ein Häuschen leisten. Insofern war das Interesse unter den Musikanten groß, auszuschwärmen.“ Doch das passte der Amtshauptmannschaft in Schwarzenberg nicht so ohne weiteres. „1847 erfolgt eine Anordnung, die das Musizieren auf öffentlichen Platze regelte. Die Stadtväter wollten ein als Betteln getarnte Musizieren verhindern. Also mussten die Künstler erst vorspielen und nur bei einem Vorzüglich gab es eine Spielerlaubnis. Man staune.“

Der Anekdoten damit nicht genug: Christa Schwenke und Grit Peverstorf wissen weitere Geschichten zum Grenzschmuggel, unterstellten Liebesdiensten aber auch über die Geheimsprache der Musikanten zu erzählen.

Nächster Termin am 20. Januar 2018 um 18 Uhr in der Gaststätte Wildbach in Steinbach. Reservierungen erwünscht.